[Erlebnisbericht] Die fantastische Sandwüste bei Merzouga

Die insgesamt vier Nächte – je zwei Nächte in der Wüste bei Merzouga und bei Zagora – in den Ausläufern der Sahara sollten ein Highlight unserer Marokko-Reise sein. Wüste ist für uns beide neu und wir waren wahnsinnig gespannt darauf, was uns dort erwartete.

Merzouga oder Zagora
Lieber nach Merzouga oder nach Zagora? Erfahre hier mehr!

Auf dem Papier sah das Programm des Zwei-Nächte-Abenteuers bei Merzouga genauso aus wie das bei Zagora: Ritt auf Dromedaren zum Camp, Abendessen im Camp, traditionelle Berbermusik, Übernachtung im fest errichteten Berberzelt, Frühstück, Ausflug auf Dromedaren weiter in die Wüste, Mittagessen, Abendessen, Berbermusik, Übernachtung, Frühstück, Rückkehr nach Merzouga auf Dromedaren.

Und doch drückt diese schnöde Aufzählung an Leistungen nicht das aus, was wir schließlich in der Wüste bei Merzouga tatsächlich erlebten und für immer in Erinnerung behalten werden:

  • die betörend schönen Sandberge mit ihrem unglaublichen Farbenspiel, 
  • die abendlichen Gewitterwolken,
  • den Tagesausflug ins Herz der Wüste,
  • ungewollte Rollübungen am Hang einer der höchsten Sanddünen in Erg Chebbi,
  • das Privatlagerfeuer mit unserem Guide Said in der Nacht
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Auf der Karte führt unsere rote Reiseroute zum Hotel Kasbah Mohayut, von dem aus wir starteten. Der rote Pin markiert den Ort unseres Camps in der Erg Chebbi-Wüste.

In diesem Erfahrungsbericht zur Merzouga-Wüste könnt ihr unsere Erlebnisse genauer nachlesen – und auch, mit welchen Problemen man bei so einem Trip zu tun bekommen kann. Der Bericht ist recht lang, weil er für uns auch eine Art Erinnerung darstellt 😀 Viel Spaß beim Lesen!

Erlebnisbericht Merzouga

Zunächst ein paar formale Infos zu unserem Camp (gehört zu Kasbah Mohayut):

  • Lokalisierung: Nordwestlicher Rand von Erg Chebbi
  • Trinkwasser war inbegriffen
  • Festes Zelt mit großem Doppelbett, ordentlich mit Bettwäsche bezogen
  • Insgesamt 15 Gästezelte vorhanden
  • relativ schlichtes, größeres Gemeinschaftszelt mit Bierzelt-Charakter (betonierter Boden)
  • Recht sauberes Toilettenzelt mit getrennten Bereichen für Männlein und Weiblein. Wurde täglich geputzt und der Wasservorrat (der am 1. Abend schon knapp wurde) wieder aufgefüllt

Was für Kleidung wir dir für die Wüste empfehlen, erfährst du hier!

Die großen Dünen von Merzouga locken

Südlich des Atlasgebirges verwandelt sich die Landschaft schon in eine karge, wüstenartige Einöde. Hier scheint bis auf die Palmenoasen entlang der wenigen Gewässer alles aus Stein zu sein, von beige über orange und tiefrot ist da alles dabei. Nur eben kaum Sand. Ich weiß nicht, wo die Sahara wissenschaftlich definiert genau anfängt, aber für den Laien wäre sicherlich auch die steinerne Einöde um Ouarzazate schon potentiell tödlich 😀

Egal – unter Wüste stellen wir Europäer uns aber eben lieber Berge aus feinem Sand vor. Diese Sandberge gibt es par excellence in der Sandwüste Erg Chebbi bei Merzouga. Erste Blicke auf diese beeindruckenden, bis zu 150 Meter hohen Dünen erhaschen wir schon, kurz nachdem wir in Erfoud auf die R702 Richtung Merzouga einbiegen – aus fast 30 km Entfernung! Schnell erheben sich die ersten Sandberge wie riesige, rötlich-beige Urwesen am Horizont. Da kann man einfach nur staunen!

Fahrt nach Merzouga mit den großen Dünen im Hintergrund
Fotopause auf der Fahrt nach Merzouga mit den großen Dünen im Hintergrund

Ab dem nördlichen Ende des Erg Chebbi ziehen sich Hotelanlagen (hier meist „Kasbah“ genannt, weil mit einer Mauer umgeben und wie ein kleines „Dorf“ mit Gartenanlage und Pool versehen) in lockeren Abständen zwischen Straße und Wüste nach Süden. An unserer Zufahrt zur Kasbah Mohayut in Hassilabied sind wir erst vorbeigerauscht, weil wir dachten, dass wir bis Merzouga in den Süden fahren müssen.

Überpünktlich fuhren wir schon um halb 3 nachmittags auf den Hof – wir sollten eigentlich erst um 15 Uhr da sein. Die Kasbah schien im Mittagsschlaf zu liegen, nichts rührte sich, auch der Rezeptionist begab sich erstmal hinter den Tresen, als wir verschwitzt und überhitzt den Lehmbau (eigentlich Ziegelbau mit Lehmverputz) betraten. „Um 5 geht es los“, informierte er uns. Treffpunkt war das Foyer des Hotels, in dem wir gerade standen, und in dem im Atrium hinter uns ein kleiner Springbrunnen beruhigend plätschert. 

Übrigens ist die Wüste bei Merzouga richtig schwierig zu fotografieren. Der feine Sand der Dünen ist derart eigenartig, dass er je nach Lichtverhältnissen eine andere Farbe annimmt – es ist wirklich so! Tolles Beispiel dafür, dass Farben ja sowieso nichts sind als eine Interpretation des ankommenden Lichts – hier sieht man mal, wie unterschiedlich die Interpration je nach Lichtverhältnissen ist. Für Kameras ist die Wüste aufgrund der wenigen Farben sowieso schwierig zu erfassen, hier in Merzouga haben sie aber teilweise heftig versagt 😀 Ich habe hinterher versucht, die Farbe so zu justieren, dass sie der Realität entsprechen.

Ein Gewitter in der Wüste

Mist, über 2 Stunden warten – wertvolle Marokko-Stunden! Naja gut, wir durften uns so lange auf die Dune Terrace mit Blick auf die Dünen setzen. Ich plumpste dort auf einen Stuhl im Schatten und starrte düster auf die roten Sandberge, die in 100 oder 200 Metern Entfernung begannen. Ich schwitzte abartig, mir war ein wenig schwindelig – da soll ich rein, mitten in die Wüste? „Die Wüste wird uns fressen“, sagte ich zu Pierre. Völlig undenkbar, dort reinzugehen. Ich schwankte zwischen Angst/Respekt und Vorfreude darauf, dass unser Abenteuer „Wüste“ endlich losgeht.

Wüstendünen bei Hassilabied
Warten auf den Kameltrip mit Blick auf die Dünen – Wolkenschatten sorgten für die unterschiedliche Beleuchtung der Dünen

Doch wir hatten die Rechnung ohne den Wettergott gemacht. Mit der Zeit zogen immer dunklere Wolken auf und spätestens um halb 5 brach ein Gewitter über uns herein, das seinesgleichen sucht. Es schüttete wie aus Eimern und hörte auch so schnell nicht mehr auf. Mittlerweile waren auch die 11 anderen Mitreisenden eingetroffen und das stickige Foyer füllte sich mit Spaniern, Franzosen und Argentiniern. 

Es wurde 17 Uhr und an eine Abreise war nicht zu denken. Die hübsche Gartenterasse stand unter Wasser und es rann schon feucht innen im Foyer von der Decke. Geschäftig eilte der Rezeptionist zwischen den verschiedenen Reisegruppen umher und wir begannen zu befürchten, dass die Reise einfach ausfällt. Meine Gedanken verdüsterten sich weiter. Gewitter und Regenguss in der Wüste, wo gibt es denn sowas – so ein Pech aber auch.

Nach dem Gewitter am Hotel
Nach dem Gewitter am Hotel

Auf zu den Dromedaren!

Kurz vor 18 Uhr ging es dann aber doch los. Wir wurden auf den Hof geschickt, wo mehrere Geländewagen parkten. Keine Dromedare also. Ich war wahnsinnig enttäuscht, als ich auf die Rückbank eines Geländewagens kletterte. Mit uns im Auto saßen zwei Argentinierinnen, beide im perfekten Instagram-Look mit flatterbaren Kleidern

Nach wenigen Minuten Fahrt bog der Fahrer allerdings auf einen breiten Sandplatz ab, auf dem zahlreiche Dromedare bereit standen, offenbar für verschiedenste Anbieter. Ein richtiger Dromedar-Bahnhof. Auch für uns hockten schon vier Kamele hintereinander angebunden und fertig besattelt. 

Geschickt befestigte unser Kamelführer im blauen Kaftan mit ausgewaschenem orangenen Turban die Rucksäcke an den Sattelgriffen, und dann war der Moment des Aufstiegs begonnen. Ich kletterte in den Sattel des Dromedars und klammerte mich fest, als es sich erhob. Ist schon was anderes als auf einem Pferd, wo man ja erstmal hochklettern muss 😀

Nachdem auch Pierre und die wild kichernden und gestikulierenden Argentinierinnen befestigt- und die Kamele hintereinander angebunden waren, ergriff der Guide, Said, die Leine von Pierres Kamel und stapfte los, in Richtung Wüste. Es gibt keine Steigbügel, daher ist das Reiten eines Kamels im „Touristensitz“ (ein Bein auf jeder Seite) etwas anstrengend, aber das fiel mir am Anfang nicht auf. Das alles war einfach zu aufregend 😀

Noch ein Gewitter in der Wüste

Die Sonne war schon fast am Untergehen und eigentlich hätten wir schon bald da sein sollen, aber das war mir alles egal. Trotz Regenguss zuvor und weiteren Blitzen nicht weit entfernt war ich glücklich, endlich unterwegs in die Wüste zu sein.

Aber nur kurz. Nach vielleicht 10 Minuten begannen die Argentinierinnen hinter uns lauter zu kichern. Ich drehte mich um und sah, dass ihnen beiden die Haare zu Berge standen, wie wenn man einen Luftballon daran reibt. Sie deuteten auch auf mich – offenbar war es auch bei mir nicht anders. Muss wohl durch die Reibung am Sattel zustande kommen, dachte ich. 

Dann schlug nicht weit vor uns ein Blitz ein, ein Knistern fuhr durch die Luft und noch mehr Haare erhoben sich. SHIT! Das waren die Blitze! Wir müssen ja ein super Ziel abgeben, hoch oben auf unseren Kamelen.

Das dachte sich dann auch Said, ließ die Dromedare sich wieder hinsetzen und der kurze Ritt hatte ein Ende. Said breitete die Satteldecken aus und hieß uns, sich jeweils zu zweit darauf zu setzen. Die Decken-Enden klappte er dann über uns, als der Regen wieder begann. Kurz darauf kam ein 4×4-Pickup vorbei und lud uns alle ein. Die restliche Strecke legten wir also im Geländewagen zurück. Was für ein Gehoppel, ich war froh, es zu überleben (aber unser Fahrer war nicht angeschnallt, muss also alles gut gewesen sein).. – schade, aber egal. 

Schutz vor dem Gewitter
Schutz vor dem Gewitter

Dämmerung in den Dünen

Als wir ankamen, gab es noch etwas Licht, auch wenn von einem strahlenden Sonnenuntergang nun wirklich nichts zu sehen war. Immerhin regnete es auch nicht. Und die Sanddünen waren in jeder Hinsicht gigantisch. Vom Camp, das am Rand des Dünenfeldes liegt, nach weiter innen wuchsen die Dünen immer höher, und vor dem Gewitter-dunklen Himmel schienen sie fast rot zu glühen.

Wir setzten uns sofort von der Gruppe ab und liefen ein Stück über die Dünen weiter weg. Die höchste Düne im Hintergrund, eine der höchsten im nördlichen Bereich des Erg Chebbi, sah eigentlich gar nicht so weit weg aus, aber wir konnten die Entfernung nicht gut einschätzen. Am Liebsten wäre ich gleich hingegangen, aber ich hatte im Gefühl, dass sie weiter weg ist als gedacht 😀 Und das stimmte auch. 

So liefen wir nur ein kleines Stück weiter, genossen den “Nicht-Sonnenuntergang” und sahen zu, wie es langsam dunkler wurde. Aus Richtung Westen, also Richtung Camp und Zufahrtsstraße nach Merzouga, drangen übliche Geräusche zu uns. Ein entferntes Auto, leise Geräusche aus dem Camp. Aber hinter uns, im Dünenfeld, herrschte absolute Stille. Es “klang” wie ein Loch aus Nichts – irgendwie gespenstisch!

Zwei Dünen weiter wechselten sich die beiden Argentinierinnen mit Fotos ab. Alles wehte sehr schön, ich bin sicher, die beiden haben tolle Fotos geschossen. Als es dann langsam wirklich dunkel wurde, gingen wir zurück zum Camp.

Dort hatten die Guides auch inzwischen auf einem Tisch vor dem gemeinsamen großen Zelt Begrüßungstee angerichtet, den sie immer wieder gern ausschenkten. 

Abendspaziergang beim Wüstencamp
Abendspaziergang beim Wüstencamp – mit Regenschauern unter den Wolken weiter hinten

Hier bekamen wir auch einen ersten Blicke auf die anderen Touristen. Die beiden Argentinierinnen hatten noch einen lokalen Guide dabei, der sie auf ihrer Reise begleitete (nur reiten durfte er nicht, er war mit einem Allrad hinterhergefahren). Gleiches galt für vier junge Italiener. Dann waren da noch die beiden Franzosen, ein spanisches Fashion-Pärchen in weißen Partnerlook-Klamotten (sie bauchfrei – wir nannten die beiden “die weißen Spanier”) und eine alleinreisende Amerikanerin.

Wir hielten uns ein wenig abseits, um nicht zu viele Kontakte zu knüpfen. Die hätten uns nur unsere Nacht in der Wüste versaut – Gott, sind wir Asis! Aber ja, wir waren ja nicht zum Feiern da, sondern um die Wüste zu erleben. Nach dem Abendessen wollten wir uns gleich in die Dünen zurückziehen und schauen, ob wir nicht doch einen Blick auf die Sterne erhaschen. Leider war der Himmel nahezu vollständig bewölkt.

Abendessen im “Festzelt”

Nach einer Weile riefen uns die Guides in das große Zelt. Sie hatten für jede Gruppe einen eigenen Tisch gedeckt. Das Zelt machte den Eindruck eines Festzeltes in Süddeutschland, aber es gab immerhin richtige Stühle, keine Bierbänke 😀 Der Boden war aber blanker Beton. Ansonsten standen glaube ich noch Kommoden oder sowas rum, vermutlich für das Geschirr. Alles sehr schlicht.

Die Guides, alle übrigens in Kaftan und mit monströsen, bunten Turbanen, trugen dann gut gelaunt zunächst eine Suppe auf, danach folgte eine super leckere Hühnchen-Tajine <3 Auch wenn kaum jemand alles futterte, gab es danach auch noch Melonen als Nachtisch. Die Guides kümmerten sich sehr lieb um alle und versorgten uns auch gut mit Wasserflaschen.

Das Thema Wasser ist etwas, was uns zuvor nicht ganz klar war. Eigentlich hieß es, wir müssten genug Wasser für den ganzen Trip mitbringen – was für 1,5 Tage und zwei Personen ja nicht wenig ist. Aber im Gegensatz zum Zagora-Trip gab es hier keinen Mangel an Wasser, die Guides fragten immer, ob wir noch welches brauchen.

Was das Team übrigens mit dem ganzen Geschirr macht, ist mir auch ein Rätsel. Sie haben ein Stück entfernt ein Kochzelt oder sowas, aber ich bezweifle irgendwie, dass sie dort Spülmaschinen haben. Etwa alles von Hand waschen? Oder sammeln sie das Zeug und bringen es dann per 4×4 weg? Ich weiß es nicht. 

Nach dem Essen zogen wir uns nach draußen zurück. Es war schon völlig dunkel und wir versuchten, uns unauffällig außerhalb des Lichtkreises eines hellen Strahlers hinzustellen, um nicht in die Berbermusik mit reingezogen zu werden, die etwas später dann folgte. 

Nichts gegen Berbermusik, ich würde heulen vor Freude, wenn wir rein zufällig mit Berbern unterwegs wären und die würden rein zufällig aus Spaß anfangen, Musik zu machen – weil sie Bock darauf haben, nicht, weil das Programm es vorsieht. Bei dem man dann klatschen und mitmachen muss, weil es so erwartet wird.

Ein erstes, nicht so positives Fazit am ersten Abend

Abgesehen davon, dass es wegen der Wolken keine Sterne gab und der Sand noch immer etwas nass war, so dass wir den ganzen Abend standen, war ich bis dahin von allem etwas enttäuscht. Meine optimistischen Erwartungen hatten sich bis dahin nicht erfüllt, im Gegenteil, die pessimistischen Erwartungen trafen voll zu.

Erst der verspätete Start, der abgebrochene Kamelritt und dass der Himmel einfach komplett bewölkt war. Ich fühlte mich zudem doof, weil ich das (berechtigte) Gefühl hatte, dass die anderen Touristen uns als irgendwie humorlose Deutsche betrachten – obwohl wir uns ja absichtlich abkapselten und uns die Meinung der anderen egal sein konnte. 

Dazu kam noch, dass wir uns eben nicht mitten in der Wüste befanden, wie wir es erwartet hatten. Nein, wir befanden uns am Rand. Ein Kasbah-Hotel sogar in wenigen hundert Metern Entfernung und jederzeit sichtbar. Auch die Regionalstraße war zu sehen und immer wieder auch Autos zu hören. So hatte ich mir den Wüstentrip nicht vorgestellt.

Als dann auch noch die meisten anderen Touristen bei den trommelnden Berbern fröhlich herumtanzten und zu allem übel dann auch noch laut Shakiras Wacka Wacka herumgröhlten, fühlte ich mich endgültig isoliert. Bzw. wir fühlten uns fehl am Platze. Wir suchten doch Wüste, aber was wir bekamen, war schlechtes Wetter, “Straßenlärm” und Mallorca-Partys.

Trotzdem blieben wir lange auf der Düne stehen und beobachteten das Treiben. Nachdem sich so langsam alles auseinander lief, zogen auch wir uns in unser Zelt zurück. Ich war düsterer Laune (“Was hast du dir nur gedacht – man kann sich keine schönen Erlebnisse kaufen”) und schlief in meinen Klamotten, obwohl das Bett ziemlich frisch und sauber aussah.

Sonnenaufgang und frühstücken wie Lawrence von Arabien

Früh am Morgen um kurz nach 6 klingelte der Wecker. Einer der Guides hatte uns abends noch gesagt, wann wir am besten aufstehen sollten, um die Sonne aufgehen zu sehen. Ich befürchtete, dass das Wetter wieder so schlecht wäre wie abends … aber nein. Als ich aus dem Zelt herausschaute, schmiegte sich ein rosa Licht vorsichtig um kleine Wolkenfetzen im Osten – es war wunderschön! 

Schnell stapften wir wieder auf eine Düne und beobachten, wie sich das Licht veränderte. Aus rosa angefärbten Wolken wurden sonnengelb angefärbte Wolken, ein zaghaftes Licht holte jede einzelne Düne aus dem Schatten hervor und zauberte immer schärfere Kontraste.

Auch die anderen Touristen kamen langsam dazu. Leider sorgte die hohe Düne im Osten dafür, dass wir die Sonne erst zu sehen bekamen, als alles andere schon längst im Sonnenlicht lag. 

Als dann auch wir die ersten Strahlen erhaschten, riefen uns die Guides wieder zu einem Tee zusammen. Obwohl wir erwartet hatten, dass es in der Wüste auch noch Frühstück gibt, hieß es dann, dass wir zurück zum Hotel reiten, wo wir dann ein tolles Frühstück bekommen.

Sonnengang in Erg Chebbi
Sonnengang-Panorama in Erg Chebbi – vorne die Argentinierinnen vor ihrem mitgebrachten Zelt für draußen

Meine Laune sank wieder in den Keller. Toll, heißt das etwa, dass wir wieder raus reiten und dann im Hotel auf den Nachmittag warten müssen, um wieder ins Camp zu kommen? So hatten wir uns das nicht vorgestellt! Dann kam aber zum Glück unser Guide Said zu uns und sagte uns, dass wir hier bleiben, als einzige. Wir bekommen im Camp ein Frühstück und können uns dabei auch ruhig Zeit lassen. Puh, Tag gerettet.

Gechillt und etwas schadenfroh sahen wir dann zu, wie die anderen Touristen alle das Camp schon verlassen mussten, während wir blieben. Kurz darauf hatte Said uns einen wunderbaren Frühstückstisch auf einer Düne in der Sonne bereitet. Noch mehr Schadenfreude – wir waren die einzigen mit so einem Frühstück in der Wüste! Zum Glück haben wir eine Nacht mehr gebucht 😀 Ist übrigens eine unbedingte Empfehlung von uns: Eine Nacht ist viel zu wenig, verbringt lieber gleich zwei im Camp. Dann erlebt ihr auf jeden Fall viel mehr als der Rest eurer Gruppe.

Zurück zum Frühstück auf der Düne. Es fehlte nur noch ein altertümliches Grammophon, um sich wie ein britischer Gentleman auf Grand Tour zu fühlen. Said hatte richtig dick aufgetischt und wir konnten bei weitem nicht alles essen. Es tat uns dann auch richtig leid, das gute Essen einfach stehen zu lassen, immerhin hatten sie es extra für uns hergeschafft. In der Wüste wurden wir essenstechnisch richtig gemästet.

Auf geht’s zu einem Tag in der Wüste!

Said fragte uns auch noch, ob wir gut geschlafen hätten, weil wir ja auch so früh schon gegangen wären und ihre Berbermusik nicht mehr gesehen hätten. Ups, es war also aufgefallen, dass wir uns gedrückt hatten. Neinnein, sagten wir, wir hätten alles gesehen, nur von weiter weg, um auch die Sterne sehen zu können. Said erklärte uns, dass der Himmel später in der Nacht in der Regel immer aufklart und man ab 2 Uhr auch einen schönen Blick auf die Sterne hätte. Gut zu wissen!

Nach dem Frühstück wussten wir auch nicht, wie es genau weitergeht. Wir überlegten, ob wir jetzt, wo die Sonne noch nicht so brennt, nicht doch noch die hohe Düne in Angriff nehmen sollten. Von dort oben müsste man einen fantastischen Ausblick haben! Doch bevor wir irgendwen gefragt hatten, rief uns Said wieder her und wir sahen, dass er für uns zwei Dromedare vorbereitet hatte. Offenbar gab es für uns doch ein Extraprogramm! Er befestigte noch ein Sandboard (= Snowboard) an einem der Tiere und los ging es. 

Weil nun nicht ständig Argentinierinnen plapperten, kamen wir auch mehr mit Said ins Gespräch, Pierre fragte ihn regelrecht zu Flora (kaum vorhanden) und Fauna (Said will einen Wüstenfuchs gesehen haben) aus und Said antwortete gern. Netter Kerl. 

Nach etwa einer halben Stunde stiegen wir erstmal von den Kamelen ab. Said schickte uns über einen Dünenkamm hoch zu der hohen Düne, die uns die ganze Zeit schon angelacht hatte. Für die Dromedare ist das zu steil – er sagte, er wolle außen rum gehen und wir träfen uns dann oben. Okay. Geht ja schnell, dachten wir. Wieder falsch.

Ausblick über die Dünen zu den Bergen

Auf die hohe Düne

Erst waren wir schrecklich begeistert darüber, so ganz allein in der Wüste unterwegs zu sein. Wow, richtig in der Wüste, Sanddünen überall! Okay, nicht überall, der Rand der Wüste war ja nur 2 km entfernt, aber wir waren eben doch schon relativ mitten drin in Erg Chebbi. Glücklich machten wir uns damit vertraut, durch den Sand zu laufen. Nach dem gestrigen Regen war der Sand noch etwas fester, so dass das zunächst ganz gut ging. 

Aber er trocknete in der Sonne schnell und bald war das Laufen nicht mehr so einfach. Insbesondere, als wir den Hang der großen Düne schließlich erreichten, die steil vor uns aufstieg. Wie sollten wir denn da hochkommen, im feinen Sand? Direkt bergauf war unmöglich. Also versuchten wir, schräg an der Steigung nach oben zu laufen und so langsam Höhe zu gewinnen.

Wir können euch sagen: Das klingt einfacher als es ist! Mittlerweile war es Mittag und die Sonne knallte runter. Richtigen Halt für die Füße gab es nicht, bei jedem Schritt rutschten wir immer wieder ein Stück nach unten. Ich weiß nicht, ob ich jemals für so wenig Vorwärtsbewegung so derartig außer Atem war. 

Debbie klettert auf hohe Düne bei Merzouga
Debbie gibt alles! Sieht definitiv einfacher aus als es ist

Mir fielen die Geschichten aus der Todeszone im Himalaya ein, wo wegen der dünnen Luft auch jeder Schritt so anstrengend ist. So kam es mir gerade vor. Wir arbeiteten uns ein paar Schritte vor und mussten erstmal pausieren, um wieder zu Atem zu kommen und was zu trinken. Wir verschlangen das Wasser wie .. naja, ein heißer Stein den Tropfen 😀 

Ich hatte auch nicht wirklich das Gefühl, dass wir es letztlich wirklich schaffen können oder ob wir nicht besser umkehren und Said hinterherlaufen sollten. Den sahen wir allerdings mittlerweile winzig klein weit weg mit den beiden Dromedaren weit um die Düne herumtrotten. Also ging es weiter hoch und nach zahlreichen Pausen hatten wir es geschafft und standen auf dem höchsten Punkt der Welt! Also mehr oder weniger. Aber wozu Mount Everest, wenn schon hohe Dünen so anstrengend sind 😀

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Eindruck vom höchsten Punkt der Düne 😀 Hier hat man einen klasse Überblick über die Größe von Erg Chebbi. Nicht vom Windrauschen täuschen lassen – es war nicht kühl, und eigentlich war das nur ein minimales Lüftchen ^^

Auf dem Dach der Welt

Der ganze “Marsch” bis dahin und dann da oben zu sitzen hatte wirklich was Surreales. Sowas klingt abgedroschen, aber es stimmt wirklich: Die Dünen von Erg Chebbi wirken wie nicht von dieser Welt. 

Wie sie ihre Farben je nach Lichteinstrahlung zwischen rostrot am Morgen und Abend über orange-gold zu gold-beige am Mittag ändern – das ist unglaublich. Und auch, dass die Dünenhänge bei schräg einfallendem Licht zu glänzen scheinen, als wären sie von Öl oder Plastik überzogen.

Und überhaupt … dass sich feiner Sand zu so großen Dünen aufgetürmt hat, anstatt in alle Winde verweht zu werden. Die Berge aus Sand wirken fast unecht und erscheinen im Hintergrund wie gemalt. Wirklich, ein Meer aus Sand. Es ist einfach faszinierend!

Ein Meer aus Sand: Erg Chebbi
Ein Meer aus Sand: Erg Chebbi, Handy-fotografiert beim Klettern auf eine der höchsten Dünen – leider haben wir kein gelungeneres Bild, das die Dünen im ganzen Ausmaß ihrer Schönheit zeigt. Mittagszeit ohne Schatten ist auch nicht optimal

Kurz nach uns kam eine Gruppe mit Sandbuggys weiter unten an. Sie hielten und mehrere Leute erklommen die letzten Meter zu Fuß. Geschrei und Getobe zerstörten unseren Frieden mit schöner Aussicht und dem leisen Flüstern des Windes, während die Sonne uns vom Himmel mit Licht übergoss. Und sie zerstörten auch den unberührten Sand. Pierre und ich hatte natürlich auch Spuren hinterlassen, aber irgendwie .. respektvoller, nur so viel wie nötig. So schön hatte der Wind kleine filigrane Muster gezaubert. Es scheint mir ein Sakrileg zu sein, an einem so majestätischen Ort herumzutollen.

Nach einer Viertelstunde zogen die Buggys weiter und wir ließen die Szenerie noch ein wenig auf uns wirken. Said und die beiden Dromedare konnten wir auch nicht mehr erkennen, zuletzt hatten wir ihn im Westen der großen Düne immer wieder über die Kämme gehen sehen, aber nun war er weg. 

Said mit unseren Dromedaren
Said mit unseren Dromedaren weiter weg.. und auch hier sehen die Dünen aus wie gemalt. Die sehen aber wirklich so aus!

Uns fiel ein, dass wir auch nicht wirklich klar abgemacht hatten, wo wir uns treffen. Es schien jedenfalls undenkbar, dass Said auch die beiden Kamele auf die große Düne zerren würde. Auf einmal wurde Erg Chebbi für uns in Gedanken doch größer – zu Fuß zum Camp zurückzulaufen würde doch einige Zeit dauern. Es war zwar von unserem Standpunkt aus gut zu erkennen, aber von weiter unten wäre es nicht mehr zu sehen. Vielleicht wartet doch noch ein kleines Wüsten-Verlauf-Abenteuer für uns?

Nein, daraus wurde nichts. Wir liefen ein Stück einen ganz flach abfallende Südkamm der Düne entlang und schließlich sichtete Pierre die beiden Kamele in einer kleinen Oase am Fuß der Düne. Wenn man opentopomap.org glauben darf, wäre das ein Höhenunterschied von fast 100 m und der Dünenhang fiel hier steil ab. Offenbar kommen wir selbst noch zum Vergnügen, den Hang runterzurutschen 😀

Unfreiwilliges Schwimmen im Sand

Ein paar Schritte weiter sahen wir dann auch Said. Der arme Kerl hatte sich das Sandboard geschnappt und kam uns entgegen, steil bergauf. Als er oben ankam, musste er erstmal ne Weile verschnaufen. Die Aussicht, mit dem Sandboard so steil bergab da runter zu rauschen, schien auf mich dann doch etwas halsbrecherisch und ich ließ vornehm Pierre den Vortritt…

Blick von der hohen Düne zur Oase
Blick von der hohen Düne zur Oase. Ganz klein sieht man auch die Dromedare unten grasen ^^

Aber Said hatte was Besseres vorgesehen. Man kann so ein Sandboard auch als Schlitten verwenden und sich einfach zu zweit draufsetzen. Mit einiger Mühe, schließlich befanden wir uns auf einem schmalen Kamm und es ging steil bergab, bereiteten Pierre und ich uns vor. Ich saß vorne und Said sagte, ich soll die Füße einfach vorne drauf stellen (aber omg, ich muss doch bremsen?!). Pierre hinter mir. Und bevor ich noch ein Stoßgebet Richtung Himmel absenden konnte, rutschten wir los.

Von den folgenden Sekunden weiß ich nur noch einige Bilder und am Schluss schmeckte ich viel Sand 😀 Ich habe nur noch vor Augen, dass es immer schneller ging, wir ein wenig kreischten, Pierre mich von hinten erwürgte und ich dann voller Panik mit den Füßen versuchte zu bremsen, während kleine Wüstengrasbüschel an uns vorbeirasten. 

Wie es dann passierte, dass wir durch die Luft flogen und ich unfreiwillig mehrere Rollen im Sand absolvierte (ich hatte dabei genug Zeit genervt zu denken, dass das ja gar nicht mehr aufhört..), kann ich mir nicht vorstellen. Als ich mit der Rollerei endlich fertig war, waren Mund, Augen, Nase, Ohren, Klamotten (außen und innen), Tasche, alles in der Tasche und überhaupt alles andere voller Sand. Das Sandboard setzte seinen Weg nach unten ungerührt allein fort.

Ich spuckte Sand aus (machte ich in der nächsten Stunde noch mehrmals) und fing an zu lachen. Nix passiert, alles noch dran, aber hey, das war ne Höllenfahrt 😀 Said kam von oben runtergerutscht und fragte besorgt, ob alles okay wäre. Ja, nur Sand überall. “That’s normal”, grinste er. “You were swimming in the sand!”

Über den Dünenkamm zur Spitze der hohen Düne (ganz hinten)
Über den Dünenkamm zur Spitze der hohen Düne (ganz hinten)

Eine Oase in der Wüste

Zum Glück gab es jetzt erstmal ne Pause. Die Oase auf der Ostseite der großen Düne ist größer als gedacht, sogar einen (oder mehrere?) Brunnen gibt es hier und stellenweise wächst sogar Gras. Said erzählte, dass hier letztes Jahr noch mehrere Camps gestanden hätten und richtig viel los gewesen wäre. Aber weil die Camps im Zentrum von Erg Chebbi alle abgerissen wurden, ist jetzt endlich Ruhe. 

Dass es einige Camps gegeben hatte, war auch zu sehen. Es standen Kisten voll mit eingesammeltem Müll herum, aber auch Eimer für den Brunnen und viel anderes Zeug lag herum, teilweise von Sand begraben. 

Und: Jede Menge Katzen waren unterwegs. Auch in unserem Camp am Rand der Wüste streift eine Campkatze umher, das scheint also irgendwie normal und gewollt zu sein. Diese hier waren aber hiergeblieben, als die Menschen abzogen. Traurig irgendwie – aber ich denke, sie kommen schon klar. Völlig verwildert sahen sie jedenfalls nicht aus, auch, wenn die meisten etwas scheu waren.

Zwei Katzen, ein Kater und eine Katze und dem Fell nach zu urteilen auch eng verwandt, waren so richtig dicke Freunde. Sowas hab ich noch nie gesehen: Als ich sie zuerst von weitem sah, dachte ich, das wäre eine Katze mit zwei Köpfen! Erst, als die beiden näher kamen, sah ich, dass sie im Laufen miteinander kuschelten. Der Kater traute sich auch zu uns, die Katze nicht. Aber immer wieder standen die beiden danach wieder eng zusammen und rieben Köpfchen.

Pierre und die beiden niedlichen Katzenfreunde  in der Oase
Pierre und die beiden niedlichen Katzenfreunde in der Oase

Mittlerweile war auch Mittag. Said hatte eine Tasche mit einer Teekanne, Tee, Zucker und Gläsern dabei, und er machte sich jetzt auf den Suche nach Feuerholz. Wir vertrieben uns die Zeit mit den Katzen. Diese Oase ist wirklich ein perfekter Platz. Schatten, Wasser, Wüste drumrum, feiner Sand – hier kann man es wirklich aushalten. Allerdings nur im “Winter”, wie jetzt im September, wie Said dann erzählte. 

Er freute sich auch, dass er mit uns diese Tour machen konnte, denn in den Sommermonaten ist es tagsüber in der Wüste einfach zu heiß für solche Touren. Dann würde er nur morgens vom Camp zum Hotel laufen und abends mit neuen Touristen wieder zurück.. immer der gleiche Weg, und nie mal in die Wüste, wie jetzt.

Dabei machte es ihm sichtlich Spaß, in der Wüste unterwegs zu sein. Said ist einer, der, wie wir im Laufe des Tages herausfanden, die Stille und Einsamkeit der Wüste liebt und sucht. Ein wirklich angenehmer Kerl. 

Palaver am Lagerfeuer

Die folgenden vielleicht zwei Stunden gingen völlig zeitlos und wie im Traum vorüber. Fans von Stephen Kings Buchreihe “Der Dunkle Turm” erinnern sich vielleicht an die Szene mit dem Revolvermann und dem Schwarzen Mann, am Feuer sitzen und palavern, und am Ende sind 10 Jahre vorbei. So ähnlich war es hier ^^ Scheinbar haben Lagerfeuer Palaver-verstärkende und Zeitgefühl-verwirrende Eigenschaften 😀

Pierre und Said am Tee-Feuer in der Oase
Pierre und Said am Tee-Feuer in der Oase

Mit Said konnten wir uns super unterhalten – wir sprachen über alles mögliche. Über das Lernen von Sprachen, über alte Berberbräuche, über die Wüste. Said selbst hatte offenbar noch das urtümliche Berberleben kennengelernt, er sprach davon, dass er bis vor 10-15 Jahren noch mit seiner Familie umhergezogen sei (wir schätzten ihn auf vielleicht 20), und das Wichtigste abends sei immer ein Feuer: “Make fire and you have no problems”.

Als das Feuer runtergebrannt war und das restliche Holz nur noch glühte, setzte er die Teekanne für den Minztee direkt auf die Glut. Wir warteten und palaverten weiter.

Said erzählte auch, dass er nie zur Schule gegangen wäre, die Sprachen, die er kann – immerhin arabisch, spanisch, englisch und “a little French”, sowie natürlich Berber – hätte er durch die Touristen gelernt. Ich weiß nicht, ob das stimmt und ob man nur durchs Hören wirklich so gut eine Sprache lernen kann, aber lassen wir das mal so stehen. 

Ich dachte ein wenig darüber nach und sagte dann, dass wir viele Jahre zu Schule gegangen wären, aber trotzdem nicht wüssten, wie man Tee in der Wüste macht. Said lachte. Ja, aber ihr wisst dafür andere Dinge, sagte er. Klar. Über Websites und Google-Algorithmen und anderes abstraktes Zeug, das aber, wenn man es mal runterbricht, niemandem was nützt, und schon gar nicht dann, wenn es um die einfachsten Dinge der Welt geht. 

Ich jedenfalls wüsste nicht, wie ich nur mit Hilfsmitteln, die in der Umgebung zu finden oder beobachten sind (ein anderer Guide zeigte uns, woran man erkennt, ob es im Untergrund Wasser gibt), in der Natur zurecht kommen sollte. 

Schade… Wir leben ein so komplexes, zeitlich durchprogrammiertes und industrialisiertes Leben, dass die einfachen Dinge völlig verloren gehen. Und selbst sowas wie die Sprachen, die wir lernen: Der Berber, der uns durch die Wüste führte, konnte mehr Sprachen als wir. Ich fragte mich kurz, was genau wir reichen Industrienationen so einem Berbervolk eigentlich voraus haben …

Debbie und unser Guide Said bei der Rast auf einer Oase
Debbie und unser Guide Said bei der Rast in der Oase

Zeit spielt in der Wüste keine Rolle

Weil wir uns so für die Wüste interessierten, fragte Said uns dann, ob es in Deutschland keine Wüsten gäbe. Nee, keine Wüsten. Aber was denn dann?, wollte er wissen. Keine Ahnung, ob er wirklich so fern von allem lebt, immerhin hat er ja auch ein Smartphone. In diesem Moment musste ich mir auch selbst wieder in Erinnerung rufen, wo wir eigentlich leben und wie es da aussieht. Ich sagte, wir hätten “many forests” 😀

Von aktuellen Nachrichten wusste er allerdings auch nicht viel. Said sagte, er ginge halt mit den Kamelen herum, arbeite im Camp .. “and making fire, that’s what I do”. Klang traumhaft für mich.

Apropos Feuer. Nachdem wir unseren Tee (“Berber Whisky”) getrunken hatten, fragte Said, ob wir noch mehr wollten. Weil ich dachte, dass Said sich doch bestimmt an Zeiten halten muss und er ja kaum den ganzen Tag mit uns unterwegs sein darf/kann, stotterte ich los: “Do you still have time for another tea?”

“Don’t speak of time, when we are in the desert”, sagte Said grinsend und setzte noch eine Kanne Tee auf. Ja, stimmt eigentlich… Lächerlicher Gedanke, dass es von Bedeutung ist, ob wir eine Stunde früher oder später zurück kommen!

Und so schlug Said am Ende, nachdem er Sand auf die Asche geschoben hatte, vor, noch mehr Holz zu sammeln. Für heute Abend. Dann könnten wir nach der Berbermusik in die Dünen gehen und noch ein Feuer machen. Unsere begeisterten Blicke sprachen wohl für sich.

Die Wüste hat uns geschafft

Als wir schließlich am frühen Nachmittag wieder aufbrachen (und das Sandboard irgendwo aufsammelten), beherrschte die Sonne Himmel, Erde und einfach alles in der sichtbaren Welt, es schien sogar noch stiller geworden zu sein (okay, um diese Zeit sind auch keine Buggys unterwegs). Außerhalb der Oase gab es keinen Schatten und die Dünen wirkten noch unwirklicher als am Vormittag. Durch diesen Sonnenglutofen führte Said unsere Dromedare dann zurück zum Camp.

Das Bild sagt schon alles aus: Die Sonne beherrschte auf dem Rückweg alles! Hier Pierre mit Saids Turban ^^
Das Bild sagt alles: Die Sonne beherrschte auf dem Rückweg alles! Hier Pierre mit Saids Turban als gewickelte Leihgabe ^^

Klar, wir hatten uns mit Turbanen und langärmligen Klamotten gut geschützt (der erste Sommerurlaub, den ich ohne Sonnenbrand überstehe!), aber ich nehme an, dass es trotzdem die Sonne war, die uns auf dem etwa einstündigen Ritt komplett zerstörte. Mir wurde irgendwie flau im Magen und ich fühlte mich schrecklich müde und erschöpft. Dass man ohne Steigbügel auf dem Kamel sitzt, macht es auch nicht besser, es ist kaum möglich, sich irgendwie bequemer hinzusetzen. Pierre ging es auch nicht viel anders.

Als wir schließlich ankamen, schleppten wir uns ins Zelt, in dem natürlich Saunatemperaturen herrschten – aber egal, wir legten uns völlig fertig erstmal aufs Bett.

Debbie liegt völlig fertig im Zelt
Debbie liegt völlig fertig im Zelt

Essen und noch mehr Essen

Eine Weile später standen wir völlig verschwitzt wieder auf, Said uns noch ein Lunch angekündigt, das zu diesem Vollpensionstag dazu gehörte. Wir hatten überhaupt keinen Hunger, aber als wir dann sahen, dass er im Schatten einer Palme einen Tisch schön hergerichtet hatte und kalten Gemüsesalat brachte, kam der Hunger dann doch. Und das Essen tat sogar gut, um die Lebensgeister wieder zu wecken.

Nur …. nach dem Gemüsesalat, der mir komplett gereicht hätte, gab es noch Berber-Omelette (mit Tomaten und Zwiebeln) aus einer Tajine und dann noch Melone hinterher. Wieder viel zu viel!

Den restlichen Nachmittag verbrachten wir vor allem im Schlaf. Erst im Schatten der Palme, danach nochmal im Zelt. Als wir dann schließlich von fremden Stimmen geweckt wurden, wussten wir: Die neuen Touristen sind da! Wir fühlten uns wie echte Wüstenveteranen, so versandet wie wir waren – und schließlich hatten wir einen Tag in der Wüste hinter uns, während das alles Frischlinge waren.

Nachdem wir also ungefähr nur eine Stunde wach waren zwischen Mittagessen und Abendessen, wurde schon wieder zum Essen geladen. Eine Schande, wir gaben uns große Mühe, aber es war einfach nicht alles zu schaffen. Die Gruppe der Neuankömmlinge war einiges größer als am Abend zuvor – mit uns vier Zweiergruppen, eine Vierergruppe und dann zwei größere Gruppen aus Korea

Die waren ziemlich lebhaft. Im Speisezelt liefen hin und wieder ziemlich große Käfer herum – nicht schön, aber ist eben so. Als die Koreaner so einen Käfer bemerkten, artete das in spitzes Geschrei aus 😀 Eine Koreanerin fasste sich ein Herz und versuchte, einen der Käfer durch festes Trampeln auf dem Boden zum Eingang zu lenken. Fast hatte sie es geschafft – dann überlegte es sich der Monsterkäfer anders, lief auf sie zu und sie sprintete kreischend zu ihrer Gruppe zurück, die dann ebenfalls zu kreischen begann 😀 Vier Bayern, die das unbemerkt beobachtet hatten, brachen in schallendes Gelächter aus.

Die kleine Campkatze hatte Glück an diesem Abend. Durch die Unmengen an Essen bekam sie von einer bayerischen Katzenlady viel Hühnchen ab. Eine Koreanerin versuchte, die Katze mit Fladenbrot zu locken, mit vorhersehbar geringem Erfolg. 

Pierre hat sich am Ende so überfressen, dass er sogar aus dem Zelt raus musste, um frische Luft zu schnappen. Ich folgte ihm bald darauf und wie am Abend zuvor setzten wir uns ein paar Meter entfernt woanders hin, um nicht in die Berbermusik-Party reingezogen zu werden, aber doch nah genug, dass Said sehen kann, dass wir nicht weg sind (es soll ja nicht als Beleidigung aufgefasst werden).

Sonnenuntergangsstimmung mit Regenschleiern im Hintergrund - das Pärchen dort sind leider nicht wir ^^
Sonnenuntergangsstimmung mit Regenschleiern im Hintergrund – das Pärchen dort sind leider nicht wir ^^

Ein Lagerfeuer abseits des Camps

Said allerdings tauchte noch während der Berbermusik auf einmal neben mir auf. Er sagte, dass er zum Glück heute Abend frei hätte und nicht mittrommeln müsste. Als Pierre fragte, was für Musik das eigentlich sei, klärte er uns zu diesem speziellen Stück darüber auf, dass es ein traditionelles Hochzeitslied wäre. Schade eigentlich, dass Hochzeitsmusik zur Touristenbelustigung dient.

Naja, Said war hier nicht ganz glücklich. Er fragte, ob wir noch Lust hätten auf ein Feuer – hatten wir natürlich, und so standen wir auf und zogen uns zu dritt in stockdunkler Nacht (wegen Wolken am Himmel) in eine Mulde zwischen Dünen zurück. Said hob wieder ein Loch für das Feuer aus und dann saßen wir am Feuer. Ob wir Rätsel kennen würden, fragte Said. Damit hätten sie damals, als sie noch umherzogen, immer ihre Zeit am Feuer verbracht. 

Ok, wir kannten auf Anhieb keine Rätsel, aber Said wusste ein paar, nach dem Motto, wie bekommt man ein Kamel mit drei Schritten in ein Zelt. Das ist nicht ganz unbekannt, wenn man an Elefanten und Kühlschränke denkt ^^ Nachdem niemand mehr Rätsel wusste, sagte Said noch, dass er froh wäre, wenn er lauten Gruppen aus dem Weg gehen kann. Die Trommeln drüben waren mittlerweile verstummt, aber die Koreaner hatten mit ihrer Party gerade erst angefangen. 

Said berichtete, dass vor allem Chinesen und Koreaner so laut wären, das würde er immer wieder erleben. Die feiern die ganze Nacht und stehen morgens als erste wieder auf 😀 (So war es tatsächlich am nächsten Morgen, aber ich würde das mal lieber nicht verallgemeinern)

Wir fragten Said, ob er am nächsten Tag abends mit anderen Touristen wieder zurück ins Camp käme. Ja, wenn wieder welche da sind. Also wahrscheinlich schon. Und wenn nicht, dann käme er einfach mit uns nach Zagora – wir hatten ihm nachmittags erzählt, dass wir dort zwei weitere Nächte in der Wüste verbringen würden 😀 Er sagte, wir könnten ja auch mit den Kamelen reiten – das wäre direkter und würde nur 3-5 Tage dauern. Klang wie ein guter Plan meiner Meinung nach 😀

Die Dünen von Merzouga glänzen im Gegenlicht
Die Dünen von Merzouga glänzen im morgendlichen Gegenlicht – sie wirkten hier fast schon wie Schneeberge!

Flucht vor dem Wind

Irgendwann frischte der Wind auf und die Funken des Feuers flogen horizontal nach Westen davon. Wir wickelten eine Decke um uns, Said holte sich eine zweite dazu. Wir könnten ja auch alle zusammen hier draußen am Feuer schlafen, schlug er vor. Er würde das öfter machen. 

Aber es war sinnlos. Der Wind wurde stärker, Sand flog uns allen in die Augen, die Decken bauschten sich und ein paar Regentropfen mischten sich in den Wind-Sand-Mix. Said schüttete das Feuer zu – so starker Wind und Feuer seien gefährlich. 

Nachdem wir uns mit flatternden Decken den Weg zurück zum Camp gekämpft hatten, lud er uns ein, mit ihm und einem anderen Guide noch in einem Zelt abzuhängen – aber nachdem ich auf die Uhr geschaut hatte, sah ich, dass es schon nach Mitternacht war und wir lehnten ab. Zum Sonnenaufgang gegen halb 7 wollten wir ja wieder auf der Matte stehen 😀

Zarte Sonnenstrahlen auf den Dünen Merzougas
Zarte Sonnenstrahlen auf den Dünen Merzougas

Ende eines denkwürdigen Ausflugs

Und so ging auch dieser ereignisreiche Tag zu Ende. Erfahrungsgemäß ging es am nächsten Morgen nach einem Frühstückstee direkt auf die Kamele und zurück zum Hotel.

Der Tag mit Said in der Wüste und abends am Feuer war wirklich ein tolles Erlebnis. Wir sind sehr froh, dass wir zwei Nächte gebucht haben und das so erleben konnten, und mit Said hatten wir ein riesiges Glück, dass er Lust hatte, Zeit mit uns zu verbringen. 

Abschied vom Wüstencamp in Merzouga
Abschied vom Wüstencamp in Merzouga

Die nächsten beiden Tage bis zum nächsten Wüstentrip in Zagora war ich – warum auch immer – untröstlich. Ich wollte mich nicht von Erg Chebbi verabschieden, zu sehr hatten mich die Dünen fasziniert, und die Vorstellung, dass bis vor kurzer Zeit, bzw auch jetzt noch, Menschen in der Wüste leben und umherziehen, fand ich einfach interessant. Was für ein völlig anderes Leben, das sich zu großen Teilen nur nach Umwelt und Witterung richtet. 

Außerdem vermisste die lockeren, netten Kerle aus dem Camp – ständig überlegte ich, was jetzt im Camp wohl vor sich geht.

Stattdessen hingen wir den Großteil des restlichen Tages nach dem Frühstück im Hotel herum, wo wir auch die kommende Nacht verbrachten. Und wir langweilten uns tödlich. Kasbah Mohayut ist zwar ein sehr angenehmer Ort, um dort rumzuhängen – klein, aber mit schönem Pool (den wir nicht nutzten) und einer wunderschönen Gartenterasse mit Sitzgelegenheiten. Außerdem gab es hier viele kleine Katzen 😀 Aber die Wüste hat irgendwie Einzug in unsere Herzen gehalten und ich wünschte mich wieder zurück.

Abends besuchten wir vor dem obligatorischen aufziehenden Gewitter nochmal die Dünen und machten Sunset-Touristen-Watching: Die Light-Methode eines Wüstenbesuchs ist, wenn man sich nur für den Sonnenuntergang auf einem Kamel auf eine höhere Düne tragen lässt und danach wieder ins Hotel/zum Bus zurückkehrt. Die Dünen waren voll mit Sunset-Watchern (auch wenn es wegen des aufziehenden Gewitters keinen Sonnenuntergang gab :D).


Hey, wenn du wirklich bis hierher gelesen hast, Respekt! Dann schreib uns doch auch noch einen kleinen Kommentar, was du von unserem Wüstenbericht über Merzouga hältst 😀 Wäre so eine Erfahrung auch was für dich?

3 Comments

  1. Katharina

    Hey,
    wann wart ihr denn dort?
    Wir wollten nämlich auch eine Wüstentour (eher Merzouga) in unserem Marokko-Urlaub machen, habe aber Bedenken, dass es Anfang September dort unerträglich heiß ist. Momentan zeigt der Wetterbericht jeden Tag um die 40 Grad an…
    Viele Grüße 🙂

  2. Derya

    Also ich habe ja selten einen so kleinkarierten Reisebericht gelesen. Die Quintessenz ist demnach, dass ihr am liebsten das Wüstencamp für euch allein gehabt hättet. Was für ein Jammer, dass die speziellen Touristen nicht auf Anhieb ihre Extrawurst bekommen haben! Wenn man so eingestellt ist, sollte man vielleicht innerhalb seiner Komfortzone bleiben…

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