Marrakesch – Der Reiz des Chaos im Herzen Marokkos

Marrakesch … Allein dieser Name drückt schon eine Verheißung von Exotik aus. Es schwingt irgendwie 1001 Nacht mit, aber auch der Gedanke an urtümliche Basare und der Duft von zahlreichen Gewürzen. All das fanden wir in Marrakesch. Aber auch einiges mehr, und nicht alles war positiv. Was Marrakesch aber definitiv ist: Komplett anders als .. sagen wir einfach Gütersloh 😀

Wir konnten auch nach dem ersten Tag in Marrakesch noch gar nicht ganz realisieren, dass wir wirklich dort sind. In diesem Beitrag geht es um unseren insgesamt rund zweitägigen Aufenthalt in der “Perle des Südens” von Marokko. Für mich, Debbie, war es die erste islamische und auch die erste afrikanische Stadt, die ich besucht habe, und deswegen traf mich Marrakesch und all seine Eigenheiten völlig unvorbereitet.

Erwartungen hatte ich keine – weil ich einfach keine Ahnung hatte, was zu erwarten wäre, außer die eingangs beschriebenen vagen Vorstellungen. Dafür prasselten dann die Eindrücke nur so auf mich ein. Hier schon mal eine Vorschau, was euch in Marrakesch erwartet.

Marrakesch, du Quirlige!

Wenn ihr durch die Straßen und Gassen lauft, dann habt ihr ständig unterschiedliche Gerüche in der Nase. Sehr angenehm ist der intensive Duft nach Kräutern, wenn ihr euch in einem Gewürzviertel befindet (allerdings gehören die Gewürzhändler mit zu den aufdringlichsten überhaupt >.<). In Marrakesch wird in Seitengassen auch mal auf dem “Gehsteig” gekocht, das riecht dann ziemlich lecker. 

Gewürzladen in Marrakesch
Gewürzladen in Marrakesch

Aber viele Gerüche sind auch ziemlich abstoßend. Oft liegt ein sehr durchdringender Geruch nach Müll, Urin oder Pferdeäpfeln in der Luft, man möchte kaum noch atmen. Und natürlich Abgase – interessanterweise vor allem dort, wo Autos gar nicht fahren dürfen. Die kleinen Mopeds stinken umso mehr!

Es fasziniert auch, wie viel auf den Straßen los ist. Besonders abends, aber auch tagsüber schon. Stell dir eine enge deutsche Fußgängerzone vor, mit vielen Menschen, die dort rumlaufen. Dazu aber auch noch Mopeds, die sich relativ rücksichtslos ihren Weg bahnen. Es gibt Esel, Karren, Eselkarren, Katzen, Autos, Menschen jeden Alters und jeder Herkunft, und viele davon wollen euer Geld. 

Straßenbild in Marrakesch
Langsam kommen immer mehr Menschen auf die Straße

Nicht im Sinne von Taschendiebstahl, aber sie wollen euch irgendwas andrehen. Ihr werdet andauernd angesprochen – die Händler wollen damit eure Aufmerksamkeit. Haben sie die erstmal, ist es viel leichter, die Touris zu irgendeinem Kauf zu überreden. Daher preisen sie nicht nur ihre Waren, sondern rufen euch auch irgendwas zu, wie “Tolle Hüte!”, “Von wo kommt ihr?” – Hauptsache, ihr bleibt stehen.

Besonders interessant sind die Souks, also die vielen kleinen Markstände und kleinen Läden. Die Medina von Marrakesch ist sowieso schon ein verwinkeltes Gewirr von Gassen (Medina bezeichnet in der arabischen Welt die Altstadt), und die Souks sind nochmal ein eigenes Labyrinth im Labyrinth. Man betritt sie wie durch ein Tor und auf einmal befindet man sich in einer engen, überdachten Gasse mit einem kleinen Laden/Stand am nächsten. 

Pierre in den Souks von Marrakesch
Pierre in den Souks von Marrakesch

Kaufen kann man hier alles. Absolut alles. Teppiche, Schuhe, Kühlschränke, lebende Hühner, die live geschlachtet werden, Töpferwaren, Süßwaren, Deko, … Man muss nur finden, was man sucht – und hinterher zu sagen, wo genau man das gekauft hat, gleicht einem Glücksspiel ^^

Schön im Sinne von “schön” fanden wir die Medina Marrakeschs nicht. Von der Stadt selbst, also der Architektur, haben wir irgendwie auch gar nicht so viel gesehen, weil wir von dem ganzen Gewimmel so abgelenkt waren. Von einer “Perle des Südens” zu sprechen, würde mir bei Marrakesch im heutigen Zustand jedenfalls nicht einfallen. Was an Marrakesch fasziniert, ist eben dieses Gewimmel – und vielleicht die Aussicht darauf, irgendeinen tollen Gegenstand durch geschickte Feilscherei zu ergattern (von geschickt waren wir noch weit entfernt :D).

Aber lest nachfolgend in unserem Erfahrungsbericht selbst, was wir erlebt haben!

Ankunft in Marrakesch

Am 31.08.2019 landeten wir abends mit etwas Verspätung auf dem Flughafen Marrakech Menara. Unsere Unterkunft für die beiden ersten Nächte war der sehr empfehlenswerte Riad Dar Khmissa in der Medina von Marrakesch. 

Es war schon dunkel, und zum Glück wurden wir für den Transfer zum Hotel direkt vor dem Flughafen abgeholt. Gestresst und voller Erwartungen an das Unbekannte saßen wir im Minibus und schauten auf die Straßen Marrakeschs. Was uns gleich auffiel, waren die vielen Menschen auf den Straßen, obwohl es schon weit nach 23 Uhr war. In einem Mini-Vergnügungspark mit Hüpfburg für kleine Kinder in der Neustadt herrschte reger Betrieb. Auch die Läden … oder sagen wir besser Märkte.. schienen alle noch geöffnet zu haben.

Unser Fahrer erklärte uns, dass die Leute abends auf die Straße kommen, weil es tagsüber so heiß ist. So beginnt das eigentliche Stadtleben erst am späten Nachmittag und in der Abenddämmerung.

Das letzte Stück mussten wir noch zu Fuß gehen, weil in unserem Teil der Medina das Fahren mit Autos nicht erlaubt war. Glücklicherweise begleitete uns der Fahrer und führte uns direkt zu unserem Riad. Wir waren müde, wahrscheinlich kam es daher, dass mir der kurze Weg zum Hotel absolut verwirrend vorkam und ich das Gefühl hatte, nie wieder alleine hinzufinden 😀 Tatsächlich waren wir nur genau einmal rechts und einmal links abgebogen.

Der Riad – Eine Oase der Wohlfühligkeit!

Riad ist übrigens die Bezeichnung für ein marokkanisches luxuriöseres Stadthaus – viele davon werden heute als Hotels mit nur wenigen Zimmern genutzt, oft mit europäischem Besitzer. Unser Riad befand sich am Kopfende einer schmalen, etwas ruhigeren Gasse.

Als uns endlich die Tür geöffnet wurden, war es, als betraten wir eine ganz andere Welt. Weg von den engen, etwas heruntergekommenen Gassen, den vielen Menschen und der warmen Luft. Rein in einen Traum aus 1001 Nacht aus bunten Fliesenmosaiken, Kissen, Baldachinen und verschachtelten Terrassen. Kühle Luft umfing uns und es duftete unaufdringlich nach Gewürzen (waren es Räucherstäbchen? Pfefferminz? Seife? Jasmin? Alles zusammen?). 

1. Stockwerk im Riad Dar Khmissa
1. Stockwerk im Riad Dar Khmissa

Wir kamen in den zentralen Raum im Erdgeschoss, der nach oben offen, bzw. nur von einem Glasdach geschlossen war. Der Raum war nicht groß, aber geschmackvoll traditionell dekoriert, mit einem kleinen Wasserbecken in der Mitte, in dem Blütenblätter herumschwammen. – Ja, das ist die traditionelle Bauweise dieser Riads, die auf römische Stadtvillen mit Atrium zurück gehen.

Ich hatte schon das Gefühl, dass wir uns in der Tür getäuscht hatten, aber nein, es stimmte: Hier durften wir bleiben. Mit all unseren dicken Rucksäcken passten wir kaum auf die schmale Treppe nach oben ins 1. Geschoss, wo sich unser Zimmer befand.

Die wenigen Gästezimmer hatten Fenster, die in den zentralen Raum hinaus führten. Kein Tageslicht im Zimmer also, aber derart liebevoll und schön eingerichtet, dass wir uns sofort wohlfühlten. Der nette Nachtmensch im Hotel führte uns noch herum und zeigte uns auch ein weiteres Highlight des Riads: Die Dachterrasse.

Koutoubia-Moschee über den Dächern der Medina
Koutoubia-Moschee über den Dächern der Medina (2. Abend)

Statt eines zweiten Stockwerks gab es ganz oben eine Dachterrasse mit kleinen plätschernden Brunnen, Pötten mit frischen Kräutern, Sitzgelegenheiten sowie Tischen für Frühstück und Abendessen. Von dieser Dachterasse führten weitere Treppchen noch ein Stockwerk weiter nach oben mit weiteren Dachterrassen mit überdachten Sitzgelegenheiten und einem Jacuzzi (nur tagsüber in Betrieb, aber “free for guests”). Von der Sitzgruppe aus hat man einen schönen Blick über die Dächer der Medina zur nahen Koutoubia-Moschee aus dem 11. Jahrhundert. 

Dieser Riad ist ein verschachtelter Traum 😀 Und das war noch nicht genug – obwohl es mittlerweile nach Mitternacht war, bekamen wir noch einen traditionellen Minztee aus frisch geernteter Minze (Pierre hat es beobachtet :D) mit Gebäck serviert, den wir glücklich auf der obersten Dachterrasse genossen.

Damit waren wir nun in Marrakesch angekommen, hatten die eigentliche Stadt aber noch nicht wirklich gesehen. Gegen zwei Uhr (drei nach deutscher Zeit) machten wir endlich das Licht aus.

Debbie nach der Ankunft auf der überdachten Dachterasse
Debbie nach der Ankunft auf der überdachten Dachterasse

Auf in die Stadt – zur Koutoubia-Moschee!

Zum Frühstück auf der Dachterrasse gab es erfreulicherweise kein langweiliges kontinentales Frühstück, sondern verschiedene marokkanische Brot/Pfannkuchensorten, zB. Baghrir (des besseren Verständnisses wegen für mich “Schwämme”) und Meloui. Dazu frisch gepressten Orangensaft – übrigens Standard in einem so warmen Land wie Marokko, wir waren ständig und überall am Orangensaft nippen 😀 – und weitere Köstlichkeiten.

Koutoubia-Moschee in Marrakesch
Koutoubia-Moschee in Marrakesch

Nach dem Frühstück zogen wir dann los. Abends hatte uns der Hotelier noch eine Karte der Medina gebracht und eingezeichnet, wo wir was finden und welche Sehenswürdigkeiten wir besichtigen können.

Ich fühlte mich zunächst sehr fremd in der Stadt. Was ist denn nun erlaubt als Frau? Sollte ich mir ein Tuch über den Kopf legen? Ist es ok, vor oder neben Pierre zu laufen oder muss ich hinterhertrotten? Wie auffällig bin ich bzw wir? … Bis mir klar wurde: alles halb so wild. Dort laufen so viele verschiedene Menschen herum, dass da eine blonde Frau mehr oder weniger nicht auffällt. Zudem ich auch noch recht bedeckt gekleidet war.

Wir nahmen Kurs auf die Koutoubia-Moschee, die wir als Ungläubige natürlich nicht betreten durften. Es war heiß, die Sonne knallte schon am Vormittag vom Himmel runter, und all der Trubel einer Großstadt fordert mich sowieso immer ziemlich.

Die Moschee ist dann auch trotz ihres Alters von fast 1000 Jahren äußerlich nicht soo beeindruckend. Wie ein Leuchtturm irgendwie 😀 Mit islamischer Architektur kenne ich mich nicht aus und von außen sah sie so aus, als könnte sie auch aus dem 20. Jahrhundert stammen.

Weiter zu den Saadier-Gräbern

Nachdem dieser erste Programmpunkt so schnell abgehakt war, fühlte ich mich schon erschöpft, obwohl wir ja noch gar nicht wirklich was gemacht hatten. Wir setzten uns im angrenzenden Palmengarten erstmal auf eine Bank und verschnauften, um zu beobachten, was so für Leute unterwegs sind. 

An der Koutoubia-Moschee in Marrakesch
An der Koutoubia-Moschee in Marrakesch

Es war nicht viel los im Park, aber während der vielleicht 15 Minuten, die wir dort saßen, wurden wir mehrmals angesprochen: Ein Junge mit Tempo-Taschentücher wollte eben diese verkaufen, eine Frau mit Armbändern wollte sie an mich loswerden und ein heruntergekommener älterer Mann fragte einfach so nach Geld. 

Den wurden wir auch so schnell nicht los, aber als wir aufstanden, um wegzugehen, machte er eine beruhigende Geste und verschwand. Vermutlich hatte er die Befürchtung, dass wir die Polizei rufen könnten – das Belästigen von Touristen steht unter Strafe.

Eintrittskarte zu den Saadier-Gräbernt
Eintrittskarte zu den Saadier-Gräbern – links neben dem Preis seht ihr übrigens Berber-Schrift

Im Anschluss machten wir uns auf den Weg zu den Saadier-Gräbern – das ist eine ummauerte Grabstätte für Gräber hochrangiger Persönlichkeiten aus der Saadier-Dynastie aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Auf dem Weg dorthin kamen wir auch durch Seitengassen, in denen der Geruch nach Müll, Urin und Pferdekacke überhand nahm. Auf den Gehwegen saßen ärmere Einheimische und verkauften Obst oder köchelten irgendwelches Essen – überraschenderweise wurden wir nicht angesprochen. 

Die Saadier-Gräber waren recht nett anzusehen. Für 7 € (70 Dirham) Eintritt hätte ich mir aber mehr Informationen erhofft. Es gab keine Infotafeln oder so, aber immerhin lief im hinteren Teil der Anlage ein Video in Dauerschleife, das die Restaurierung der Anlage vor einigen Jahren zeigte. Leider gab es keine weiteren Informationen über die Geschichte des Ortes.

Danach gingen wir noch immer etwas ratlos Richtung Osten, wo es einen Palast und eine jüdische Synagoge zu sehen gäbe. Hier fingen dann langsam unsere Abenteuer mit den marokkanischen Händlern an und wir wurden nach allen Regeln der Kunst wie die Anfänger, die wir waren, übers Ohr gehauen 😀

So wurden wir mit verschiedenen Maschen über den Tisch gezogen

Ich traue mich kaum, über diese Peinlichkeiten zu schreiben, denn wir haben alle Fehler gemacht, die man machen kann – obwohl wir von der Feilscherei der Händler wussten.

Masche Nr. 1: Angeblich geschlossene (closed) Bereiche

Auf dem Weg kamen wir über enge Gässchen auf eine Kreuzung, die wir überqueren wollten. Dort stand ein junger Typ, der uns zurückpfiff. Diese Gasse wäre gesperrt, das sei ein Palast und da dürfe man nicht rein. 

Ups, dachten wir, entschuldigten uns und fragten nach dem Weg. Er wies uns in Richtung eines Marktes und winkte freundlich. Wir waren froh, nicht in das Fettnäpfchen getreten zu sein … und waren genau ins Fettnäpfchen getreten. Denn die Masche, dass irgendwas gesperrt wäre, ist – so lasen wir es später nach – ein ganz simpler Trick, Touristen zu den Märkten zu schleusen, anstelle ihnen die einfachen Abkürzungen zu gönnen.

Masche Nr. 2: Passanten in ein Gespräch verwickeln

Und es wirkte. Quasi beim ersten Laden auf dem Markt, einem Gewürzladen mit ausladendem Gewürzsortiment vor dem Eingang, wurden wir von einem weiteren jungen Typ in weißem Apothekermantel angesprochen. 

Er lief mir hinterher, hielt mir irgendwas unter die Nase und fragte, ob ich wüsste, was das sei. Wusste ich natürlich nicht. Und schon stand ich und er hatte meine Aufmerksamkeit. Dass das eine absolut einfache und geläufige Masche ist, lernte ich im Verlauf des Tages, unzählige Male wurde ich bei anderen Läden gefragt, ob ich wüsste, was x ist. ….

Die Apotheker-Erfahrung

Alles weitere war so einfach. Der Typ zeigte mir immer mehr faszinierendes wohlriechendes Zeug aus der Auslage und auf einmal standen wir mitten im Laden mit deckenhoch aufgetürmten gefüllten Glasbehältern mit was auch immer drin. Ja, es roch gut im Laden, aber wir hatten keine Gelegenheit, uns selbst umzuschauen. Ständig hatten wir irgendwas unter der Nase, und alles war faszinierend.

Apotheke/Gewürzladen in Marrakesch
In der unseligen Apotheke/Gewürzladen in Marrakesch

Wir hatten keine Ahnung, was wir machen sollten. Nun hatte der nette Typ uns doch schon so viel erklärt, da muss man doch irgendwas pro forma kaufen, klar. Dann brachte er uns auch noch Tee. Aha, davon hatten wir schon gelesen. Wenn wir Tee angeboten bekommen, dann sind wir schon mitten in den Verhandlungen und können noch schlechter einfach abhauen. 

Und so machten wir einen weiteren Fehler und sagten, dass wir doch einfach ein bisschen was von dem Bergtee da drüben nehmen, und noch ein bisschen was von den Menthol-Kristallen da, und dann noch so einen Jasmin-Duftball. Wir dachten, ein bisschen Tee wird nicht teuer sein, was solls. Böse Fehleinschätzung!

Am Ende gab der Typ alles in seine uralte Registrierkasse ein. Er erklärte mir sogar, wieviel das Zeugs pro Gramm kostete, aber ich war zu erschlagen, um das irgendwie hochzurechnen. Am Ende hatte er Tee, Kristalle und Duftball in Papier eingeschlagen und zusammengetackert, und die Kasse zeigte einen Betrag von sagenhaften 475 Dirham, das sind rund 47 €. Mir brach der Schweiß aus. 47 € für ein bisschen blöden Tee und ein paar Hustenbonbons?! 

Ich raunte Pierre zu, dass das ja schon sehr viel wäre, in der Hoffnung, dass er irgendwie irgendwas unternehmen würde. Tat er nicht. Ich sagte ihm, das sei ja ECHT viel, aber er war genauso überrumpelt wie ich. Was soll ich machen? Der Typ hatte mir doch vorgerechnet, wieviel alles kostet, und ich habe zu keinem Zeitpunkt protestiert, und jetzt steht in der Kasse ganz transparent ein Preis, und die Ware ist bereits verpackt. 

Ich zückte meinen Geldbeutel und bezahlte den goldenen Preis für den Tee.

Tajines und andere Töpferwaren
Einer der vielen Töpferläden: Tajines und andere Töpferwaren

Lehrgeld bezahlt – und wie geht es weiter?

“Nice to meet you”, strahlte mich der glückliche Verkäufer noch an. Jaja, sehr nice. Wir haben uns angestellt wie die dümmsten, naivsten Touristen. Waren wir ja auch. Das war unsere erste Erfahrung mit Profiverkäufern. Immerhin roch das Zeug auch ganz gut ^^ Aber wow, 47 € für so ein bisschen Kräuterzeug…. Ja, der Tee schmeckt super, das haben wir dann zu Hause getestet, und auch der Jasminball bereichert das Duft-Ensemble unseres Heims durchaus, aber für so einen Haufen Geld? Naja. Das kann man als Lehrgeld abstempeln.

Ich weiß nicht, ob wir noch hätten handeln können, als der Preis schon in der Kasse stand, oder ob das Handeln schon zuvor hätte nötig sein müssen. Die Kasse hat mich einfach irgendwie abgeschreckt. Hinterher lasen wir in einem Marrakesch-Guide, dass man bei den Kräuter-Apothekern in weißen Mänteln sowieso nicht kaufen sollte, die seien zu teuer und würden Touristen übers Ohr hauen, weil sie eine gewisse Seriosität mit ihren Mänteln vortäuschen.

Mein Learning aus dieser Erfahrung: Einfach weitergehen, wenn die Typen auf dich zukommen und dir irgendwas unter die Nase halten wollen! Das ist zwar schade, aber sobald man irgendwie Interesse bekundet oder sich die Auslage genauer anschaut, ist es deutlich schwerer, irgendwie aus der Situation wieder rauszukommen, ohne Diskussionen zu provozieren.

Diese erste Erfahrung jedenfalls zog uns deutlich runter. Wir suchten uns ein schattiges Plätzchen, wo wir einfach mal kurz unter uns sein konnten, ohne von irgendwem zu irgendeinem Kauf überredet zu werden. In diesem Moment begann ich Marrakesch zu hassen. Ich wusste nicht, wie hier alles funktioniert, wann ich was zu zahlen oder zu sagen habe. Es war einfach ätzend. Die 45 € hatten gleich am ersten Tag ein unnützes, großes Loch in unser Budget gerissen.

Naja. Pierre tröstete mich. Das ist wie in einem Rollenspiel: Du fängst mit der Handelsfähigkeit auf Level 1 an, gewinnst aber an Erfahrung. Damit steigst du auf und wirst besser. Eben hatten wir schon ein paar Levelups und jetzt wissen wir besser, was passiert und wie es geht. Nach einigen Minuten beruhigte ich mich und hielt mich übervorsichtig von allen Händlern fern – aber es wurde besser und der Hass verging.

Nicht abschrecken lassen und neuer Versuch!

Pierre schien seine Nerven besser im Griff zu haben und schaute sich an einem Stand mit Teekannen ein wenig um. Gleich kam der Besitzer herbeigesprungen und winkte auch mir zu. “Just look, no buy, just look” – er hatte wohl mein Misstrauen schon auf einen Kilometer erschnüffelt ^^ Vorsichtig ging ich hin und schaute. Nett, das Zeug, aber nach der Erfahrung eben wollte ich nun wirklich nicht schon wieder irgendwas kaufen. Obwohl er uns einen “good price” auf ein Teeservice machen wollte. Ich sagte nein, wir schauen erstmal weiter – und fühlte mich gut damit. Ist ja schließlich unser Geld!

So sehr das Tee-Erlebnis uns runtergezogen hatte, zog uns das Teeservice-Erlebnis wieder nach oben. Ich fühlte mich bereit dafür, weiter über den Markt zu schlendern. 

Eingang zu den Souks in Marrakesch
Eingang zu den Souks in Marrakesch

Masche Nr. 3: Vorjammern, dass der Preis nicht kleiner geht, weil [Ausrede]

Wir kamen an einer überdachten Marktstraße vorbei und wagten uns dort rein. Jede Menge Kleider und Tücher hingen aus – Kleider interessierten mich nicht, aber ein Tuch wollte ich sowieso kaufen, als Sonnenschutz für die Sahara. Pierre zog mich zu einem Tuchständer. Sobald ich das Tuch anfasste, stand auch schon ein Typ neben mir, der mir die Farbe und das Material anpries. Er hatte mich dann, als er mir zeigte, wie man das Tuch zu einem Berber-Turban wickelt. Wow! Insider-Wissen!

Feilschen um einen blauen Schal

Ich fragte nach dem Preis. 200 Dirham, sagte er. Kann man da nicht ein wenig handeln?, fragte ich. Er grinste wissend. Ah, eine Touristin, die Anleitungen gelesen hat! Neinnein, das ist schon ein sehr niedriger Preis, ließ er mich wissen. Drüben in den Souks, da sei hoher Preis, weil viele Leute, hier niedriger Preis, weil weiter weg. Sehr guter Preis, geht nicht kleiner.

Mh, dachte ich, klingt nachvollziehbar. Ja, dann ist wohl nichts zu machen. Zumal ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie viel der Schal denn wirklich wert wäre. 20 € wäre vermutlich ok, dachte ich, so viel würde er vielleicht auch auf Amazon kosten.

Das Problem ist: Ihr könnt immer wieder nachlesen, dass das Feilschen in Marokko sehr beliebt sei. Wer hart feilsche, der werde auch respektiert. Aber das bedeutet nicht, dass die Händler es euch leicht machen. Am liebsten würden sie auf das Feilschen verzichten und von euch das bekommen, was sie als ersten Preis nannten. Daher funktioniert das Feilschen nicht so, dass jeder einfach Zahlen nennt, sondern die Händler erzählen euch, warum sie nicht weniger verlangen können. Das hatte ich so nicht erwartet 😀

Unklar, wie ich reagieren sollte, sprang Pierre ein. 180 Dirham! preschte er vor. Komm schon, dachte er wohl. Du kannst zwar nicht runtergehen, weil der Preis schon günstig ist, aber pro forma wirst du doch wohl drauf eingehen, oder? 

Und ja, tat er. Sofort. Grinsend. 18 € für einen Pashmina-Schal, der, wie ich später hier las, für rund 5-7 € zu haben wäre. Da will ich Pierre überhaupt keine Schuld geben, ich hätte vermutlich auch 150 dh vorgeschlagen, ohne zu glauben, dass der Händler drauf eingeht. 

Dabei lautet aber eine grundlegende Regel: Höre nicht auf das Gejammer der Verkäufer, wenn sie sagen, dass es wirklich nicht günstiger geht! Besser wäre es gewesen, erstmal entrüstet zu schauen und zu sagen, dass ich auf keinen Fall mehr als 50 dh für so einen einfachen Schal ausgeben werde. Dann wäre der Typ ebenfalls entrüstet gewesen und wäre weiter runter gegangen. So funktioniert das Feilschen.

Medina von Marrakesch
Gasse in der Medina von Marrakesch

Hauptsache, alle sind zufrieden!

Ich habe aber auch ganz am Ende des Urlaubs noch dazu tendiert, solche Aussagen erstmal zu glauben – es ist einfach gewöhnungsbedürftig, keine Festpreise zu haben und grundsätzlich darauf zu vertrauen, dass es stimmt, was der Gegenüber sagt. Aber nach den zwei Wochen war ich immerhin so weit zu sagen: Ne, danke, dann nicht. Und zack, auf einmal gehen sie doch runter. Das muss man wirklich lernen!

Auch am Ende habe ich noch zu viel für Zeug bezahlt, denke ich, aber so langsam kam ich dann doch rein und fand Spaß am Feilschen. Leider war dann der Urlaub schon zu Ende 😀

Zurück zum Schal. Wir buchten ihn als Erfolg ab. Nach der Tee-Katastrophe davor war es das auch, denn hey: Wir haben erreicht, weniger zu zahlen! Und ich hatte gelernt, wie man einen Berber-Turban bindet. Wichtiges Wissen 4 life 😀 (Finde ich wirklich, wollte ich schon immer wissen!) – und last but not least: Ich fand den Preis für deutsche Verhältnisse eigentlich ok.

Nachdem wir uns die Marktstraße noch angeschaut haben, kehrten wir zunächst zurück zu dem Platz, an dem wir uns zuvor von dem Tee-Schock erholt hatten. Hier standen wir kurz und überlegten, was wir weiter machen. Und schon segelte eine von oben bis unten verschleierte Dame auf uns zu.

Masche Nr. 4: Geschenke machen

Sie klimperte mit ca 1000 Armreifen vor mir herum und wollte mir offenbar einen andrehen. Neinnein, ich schüttelte den Kopf. Keinen Armreif bitte. Dann begann sie mit einem Wortschwall auf uns einzureden – auf französisch und englisch, sie wollte wissen, von woher wir kommen. Ob ich nicht einen Armreif wollte. Non, non, merci! Sie sei eine Berberfrau und bräuchte das Geld für ihre Familie. Schön, aber nein! Gefühlt standen Pierre und ich 5 Minuten herum, ließen uns belabern, schüttelten die Köpfe und sagten non am laufenden Band.

Die Frau ließ sich einfach nicht abschütteln. Dann streifte sie mir einen dünnen Messing-Armreif über. Das sei ein Geschenk und würde Glück bringen, alte Berber-Tradition. Vielen Dank, sagte ich. Ob ich nicht einen weiteren Armreif wolle, fragte sie. Nein, ich wollte keinen weiteren Armreif. Ob Pierre mir nicht einen Armreif kaufen wolle. Nein, wollte er nicht. 

Dann ließ sie locker und machte Anstalten, von dannen zu ziehen. Sie wandte sich mir zu und sagte: Ich habe dir Geschenk gemacht, willst du mir nicht auch ein Geschenk geben? Klar, aber geh endlich… Ich kramte in meiner Börse und fand noch ein 50 Ct-Stück. Kam mir unverschämt wenig vor, immerhin hatte sie mir auch was geschenkt, aber meine Güte, ich wollte das doch gar nicht! 

Missmutig steckte sie die Münze ein und gab mir noch einen – immerhin kostenlosen – Rat: Close your purse, there are bad people around. Ich nickte. In der Tat.

Offenbar ist auch das eine beliebte Masche der “mobilen” Verkäufer, die herumlaufen und Leute ansprechen. Wenn die nicht kaufen wollen, schenken sie ihnen irgendeinen Ramschartikel und fragen dann am Ende des Gesprächs ebenfalls nach einem Geschenk. Sie setzen darauf, dass das Rechtschaffenheitsgefühl/Ehrgefühl des Angesprochenen ihn dazu bringt, etwas zurückzugeben, und dass der Betrag höher ist als der Wert ihres Geschenks. So hat der Angesprochene am Ende doch was “gekauft”, was er gar nicht wollte. Solche Leute soll man – so las ich später – stehen lassen, nicht beachten oder einfach mit der Polizei drohen.

Pierre auf dem Djemma el fna
Pierre auf dem Djemma el fna

Wir hatten aber noch immer nicht genug. Es war erst kurz nach Mittag und wir wollten noch nicht zurück ins Hotel. Also dachten wir, wir gehen noch zur jüdischen Synagoge und zum jüdischen Friedhof. Ist ja alles nicht weit weg.

Mit dem Stadtplan in der Hand stapften wir also los. Kein großes Problem, der Weg war einfach und wir hatten vielleicht noch 200 Meter zurückzulegen, da machte ich einen weiteren kleinen Fehler.

Fehler Nr. 5: Nach Informationen fragen

An die Wand gelehnt saß ein Mädchen, vielleicht 12 Jahre alt. Sie sah uns vorüberlaufen und rief uns hinterher, ob wir Hilfe brauchten. Ich winkte schon ab, dachte dann aber – ach komm schon, das ist ein kleines Mädchen. Wir brauchen keine Hilfe, aber vielleicht fühlt sie sich gut, wenn sie Erwachsenen was erklären kann und Gelegenheit bekommt, mit Fremden zu sprechen. 

Ich fragte sie also, wo der jüdische Friedhof sei, in Erwartung, dass sie einfach in die Richtung zeigen würde. Freudig sprang sie auf und deutete uns, ihr zu folgen. 

Ein paar Gassen weiter deutete sie auf den Eingang zum Friedhof und hielt erwartungsvoll die Hand auf. Klar. In Marrakesch macht man nichts aus Freundlichkeit, sondern um dafür bezahlt zu werden. Wie gesagt, ich mache den Einheimischen keinen Vorwurf, die meisten sind wirklich sehr arm, und von Freundlichkeit kann man sich nicht ernähren. 

Ich drückte ihr ein paar Dirham in die Hand, vielleicht war es ein 5 dh-Stück. Aber das war zu wenig, sie schaute traurig-vorwurfsvoll zu mir auf und hielt mir weiter die Hand hin. Och jetzt komm schon. Das sind immerhin schon ca. 50 Ct, einfach so. Mehr Kleingeld hatte ich nicht, also gab ich ihr mein letztes 2 €-Stück. Da strahlte sie und witschte davon. 

Uns tut es wirklich nicht weh, hier und da mal 1-2 € abzugeben. Ich fand es nur sehr bedrückend, dass wir ständig angesprochen werden, um irgendwas zu kaufen, aber wenn wir jemanden ansprechen und auch nur nach Informationen fragen, dann kostet das auch schon. Ich hatte den Eindruck, dass wir für die Einheimischen einfach nur wandelnde Geldbörsen sind.

Ja, Marrakesch ist anspruchsvoll. Nirgendwo sonst fand ich bisher es so anstrengend, durch die Straßen zu schlendern, denn man muss ständig konzentriert sein.

Der Jüdische Friedhof von Marrakesch

Mein erster Eindruck des jüdischen Friedhofs, der nur einen kleinen Obulus zur Erhaltung als Eintritt kostete, war: Huch, sind wir hier auf einer Baustelle? So einen Friedhof hatte ich noch nie gesehen. Es war ein sehr großer, ummauerter Platz. Darauf finden sich chaotisch angelegt die Gräber, bzw Grabsteine, die wie betonierte, nach oben trapezförmig zulaufende Särge aussehen. Ohne jegliche Inschrift. Irgendwie grotesk.

Wir liefen einen der Wege entlang, die Sonne knallte auf uns herab – Schatten gibt es dort nur im Eingangsbereich oder unter ganz vereinzelten Bäumen. Die Gräber hatten verschiedene Größen, manche sehr klein, manche viel größer, und je weiter wir liefen (ich nehme an, wir liefen chronologisch aus der älteren in Richtung jüngere Vergangenheit), desto größer und dekorierter wurden die Gräber. Auch Inschriften fanden sich immer mehr.

Vereinzelt standen auch Säcke mit Zementpulver herum. Ein wirklich sehr merkwürdiger Friedhof… Zu sehen gab es dort sonst nichts.

Danach ruhten wir eine Weile im Schatten und entschieden dann – es war mittlerer Nachmittag – erstmal wieder ins Riad zu gehen. Wir waren völlig verschwitzt und müde von all den Eindrücken.

Djemma el fna – der Marktplatz, der nur nachts was bietet

Nach einem Powernap auf dem Bett standen wir wieder auf und waren erneut bereit, uns ins Getümmel zu stürzen. Und vor allem machte sich der Hunger bemerkbar ^^ Der Nacht-Hotelier hatte uns auf dem Stadtplan empfohlen, tagsüber die Sehenswürdigkeiten im Süden der Medina zu besuchen und abends die im Norden. Daran hatten wir uns gehalten, ohne zu wissen, warum – aber das sollten wir gleich erfahren ^^

Der Djemma el fna ist ein riesiger Marktplatz in der Medina von Marrakesch und gehört zu den ersten angezeigten Motiven, wenn ihr auf Google nach Bildern von Marrakesch sucht, und damit zu den großen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Der Platz ist nicht weit vom Riad entfernt, wenn man sich an all den Leuten vorbeidrängelt.

Djemma el fna
Djemma el fna bei Sonnenuntergang und Regen

Laut Infopaket unseres Reiseveranstalters sei einer der (nummerierten) Stände in kulinarischer Hinsicht “ein Muss” für Marrakesch, also wollten wir genau den Stand aufsuchen. Auf dem Djemma el fna herrschte allerdings gerade Aufbruchstimmung. Es schien, als würden die Stände alle schon abgebaut werden. Mist, dachten wir. Es war schon 17 Uhr, und offenbar hatte der Hotelier mit seinem Ratschlag, nachts den Platz zu besuchen, falsch gelegen. 

Falsch lagen aber eigentlich wir, denn – wie wir später feststellten – die Stände wurden nicht ab- sondern aufgebaut! Erst am späten Nachmittag geht es auf dem Djemma el fna erst richtig los und man kann dann bis weit in die Nacht hinein dort einkaufen. Ich hatte ja schon erwähnt, dass nachts in Marrakesch mehr los ist als tagsüber..

Djemma el fna und einer der vielen Essensstände dort
Djemma el fna und einer der vielen Essensstände dort

Den gesuchten Stand fanden wir jedenfalls nicht, dafür gab es wieder unzählige Anbieter von irgendwas – darunter Typen mit angekleideten Äffchen, mit denen man sich fotografieren kann, sowie Schlangenbeschwörer. Mir taten die Schlangen leid, die den ganzen Tag in dem Lärm und Trubel herumliegen, bzw. sich mit angehobenem Kopf in Verteidigungsstellung befinden, weil ihre Besitzer sie ständig provozieren… Wir gingen schnell daran vorbei, um die Tierquälerei nicht zu unterstützen.

Auf in die Souks

Am Mittag hatten wir ja schon die eine oder andere Händlererfahrung gemacht. Aber das war nicht in den “richtigen” Souks nördlich des Djemma el fna, sondern im Süden, um den Place des Ferblantiers herum. 

Unweit des Djemma el fna gibt es einen “Eingang in die Unterwelt” der Souks, wie ich sie eingangs schon beschrieben habe. Hier kann man sich wirklich verlaufen. Eine überdachte Gasse führt zur nächsten, es gibt sogar kleine überdachte Kreuzungen mit Richtungsschildern (wenn ihr Glück habt). Manchmal führt eine Einkaufsgasse auch einfach durch ein Haus und ihr kommt ganz woanders raus. Faszinierend und seeehr verwirrend! Und trotz der engen Gänge müsst ihr ständig aufpassen, nicht von einem Moped überfahren zu werden.

Eingang zu den Souks in Marrakesch
Eingang zu den Souks in Marrakesch

Ich war absolut fasziniert von den Souks – aber im Prinzip rannten wir schnell durch, um wieder einen Ausgang zu finden.

Nach den Erfahrungen des Tages hatten wir wirklich keine Lust mehr, uns zu irgendwas drängen zu lassen. Das ist wirklich schade – gerne hätte ich mir die Waren zumindest angeschaut. Aber stehenbleiben bedeutet angelabert zu werden. Auch ohne stehenzubleiben riefen uns die Händler ständig irgendwas zu und klangen auch etwas angepisst, weil wir einfach nicht reagierten. Das tut mir auch leid, zu gern hätte ich geschaut oder mich auch nett unterhalten. Allerdings sind die Händler nicht auf eine nette Unterhaltung aus, sondern darauf, Geld von euch zu bekommen. 

Da stoßen Interessen aufeinander. Ich bin eben jemand, der lieber erstmal in Ruhe schaut und genau prüft, während die Händler einen Artikel nach dem nächsten vorlegen. Und wenn man eigentlich einen Schal will, dann hat man auf einmal die Hände auch voll mit Schmuck, obwohl man doch eigentlich lieber nur nach unterschiedlichen Farben für Schals schauen will… Diese Erfahrung machten wir jedenfalls später in Zagora 😀 Das ganze stresst also leider sehr, und daher hetzten wir durch die Souks, ohne kaum jemals nach links oder rechts zu schauen. Besonders nicht, wenn wir die einzigen Besucher waren.

Souks von Marrakesch
Souks von Marrakesch

Auch Fotos habe ich leider kaum gemacht. Denn dafür würde mit Sicherheit wieder ein Trinkgeld erwartet, und wir hatten einfach kein Kleingeld mehr.

Also – die Souks sind toll! Ein spannendes Labyrinth voller Verheißungen. Aber man kann sich dort nur verlieren und wohl fühlen, wenn man kein Problem damit hat, mit den Händlern irgendwie umzugehen. Entweder, indem man sie irgendwie fern halten kann, oder indem man sie steuert, damit sie einem das reichen, was man auch haben will.

Kein Glockengeläut, sondern Gebetsrufe!

Was ich an Filmen, die in islamischen Städten spielen, immer faszinierend fand, waren die Gebetsrufe. Bei uns in Europa läuten mindestens jede Stunde einmal die Glocken an den Kirchen. Zuverlässige Zeitansage für jedermann! Eigentlich hatten die Glocken an den Kirchtürmen aber den Zweck, die Gläubigen zum Gottesdienst zu rufen, weswegen die Glocken sonntags entsprechend lange läuten.

Kirchenglocken gibt es in islamischen Städten natürlich nicht. Das Pendant, die Gebetsrufe, funktionieren dort allerdings komplett anders. An den Minaretten der Moscheen, von denen es vermutlich ähnlich viele gibt wie bei uns Kirchen, hängen Lautsprecher, über die die Gebetsrufe des Muezzins laut übertragen werden. Und zwar fünf mal am Tag. Das erste Gebet ist schon morgens vor Sonnenaufgang fällig, dann gibt es über den Tag verteilt nochmal zwei Rufe und dann wieder abends um Sonnenuntergang und nachts nochmal in der Dunkelheit.

Katze in Marrakesch
Schlafende Katze in Marrakesch

Feste Uhrzeiten, wie bei uns, gibt es dabei nicht. Die Moscheen richten sich nach dem Sonnenstand, der sich täglich ändert – kompliziert 😀 Und gibt es mehrere Moscheen in Hörweite, wird klar, dass jede Moschee ihre eigene Zeit hat, so dass die Gebetsrufe etwas unkoordiniert wirken.

Als ich die Gebetsrufe in Marrakesch das erste mal hörte, fand ich das ziemlich faszinierend. So fremd, aber doch auch irgendwie schön! Der Islam ist, genau wie das Christentum, eine friedliche Religion und bietet Regeln und Gesetze, die für ein besseres Miteinander sorgen sollen. 

Gebetsrufe – Wie aus einer anderen Zeit

Für uns Fremde sind die Gebetsrufe extrem auffällig und ich habe mich während der zwei Wochen Marokko auch nicht so sehr daran gewöhnt, dass ich sie, wie das Kirchengeläut, irgendwann gar nicht mehr wahrnehme. Nein, immer, wenn die Muezzins ihre Rufe erschallen ließen, hielt ich inne. Sie klingen auch nicht immer gleich, sondern hängen eben von der entsprechenden Person ab.

Bei Tafraoute beispielsweise erzählte uns unser Guide Rahid, dass der örtliche Imam, der auch die Funktion des Muezzins übernommen hatte, schon sehr alt ist und sich zahlreiche Leute darüber beschwert hatten, wie wenig motiviert bzw. schief sein Gesang ist. 😀 Das war auch zu hören – immer wieder hörten wir, wie er zwischen den eigentlichen Zeilen irgendwas murmelte. Wir fragten uns, ob er schon mal den Text vergessen hat ^^

Auf unserer Dachterrasse in Marrakesch klangen die Gebetsrufe besonders krass. In und um die Medina stehen viele Moscheen, und wenn die alle fast zur gleichen Zeit ihre Gebetsrufe erschallen lassen, ist das ein Gänsehaut-Moment. Wie der Ruf aus einer ganz anderen Zeit, in der die Menschen auf ihren Gott vertrauten und es noch keinen Straßenlärm und Wirtschaftskrisen gab. 

Sonnenuntergangsstimmung in Marrakesch
Sonnenuntergangsstimmung in Marrakesch

Das war Marrakesch!

Im Grunde war es das schon mit unseren Besuch in Marrakesch. Wirklich besucht und gesehen haben wir nur die Medina, die Neustadt hat uns aber auch nicht so sehr interessiert – dort gibt es viele riesige Hotel- und Gartenkomplexe, große Supermärkte und natürlich auch Mc Donald’s. Am nächsten Tag erhielten wir unseren Mietwagen und kamen erst am Tag vor unserer Abreise wieder her – um einige tolle Erlebnisse aus dem Süden und Osten des Landes reicher. 

Am letzten Abend besuchten wir nochmal den Djemma el fna (laut und stinkig) und kauften auch noch Gläser für unsere Teekanne aus Zagora (etwas zu teuer, aber nicht viel). Als wir im Dunkeln dann auch die Koutoubia-Moschee nochmal besuchten und für ein Foto in einen kleinen Park gingen, schlich eine dunkle Gestalt an uns vorbei und fragte, ob wir Haschisch brauchten. Das war der Moment, als wir uns dachten, dass wir doch lieber ins Hotel zurück wollen.

Mos Eisley Raumhafen Medina von Marrakesch … Nirgendwo wirst du mehr Abschaum und Verkommenheit versammelt finden als hier. Wir müssen vorsichtig sein.“

Zitat aus dem 1. Star Wars Film

Zum Zitat: Nichts gegen die Bewohner von Marrakesch – ihnen ist kein Vorwurf zu machen. Jeder muss eben schauen wo er bleibt, und muss das Beste aus seiner Situation rausholen. Würden wir auch so machen. Für gutgläubige und höflich sein wollende Touristen ist das nur extrem anstrengend, weil wirklich jeder an unser Geld will. Daher kam Pierre dieses Zitat in den Sinn, als wir am Ende wieder nach Marrakesch zurückkehrten 😀

Debbie in der Medina von Marrakesch
Kurz vor Ende des Urlaubs und wieder in Marrakesch, da darf man schon mal etwas zerknautscht schauen 😀

Auf dem Weg zurück zum Riad, als wir uns durch gefühlt Millionen Menschen auf den Straßen drängten, sah ich auch nochmal kleine Katzen auf den Straßen. Ich dachte auch an die Pferde, die tagein, tagaus Touristenkutschen durch die Stadt ziehen, und an die Affen und Schlangen auf dem Djemma el fna – und all die Tiere taten mir schrecklich leid, dass sie in so einen lauten und erbarmungslosen Moloch reingeboren werden, wo ihr Leben oder Wohlergehen nichts wert ist. (Klar, arme Menschen haben auch nichts zu lachen, aber ich denke, sie haben doch mehr Chancen.. oder zumindest Rechte)

Ich will abschließend nicht sagen, dass Marrakesch mir nicht gefällt. Die Stadt hat durchaus ihren Reiz, sozusagen den Reiz des Chaos – aber Marrakesch ist auch schrecklich anstrengend, laut, stinkend und, wie oben schon gesagt, ansich nicht schön. Wer hier verweilen und zur Ruhe kommen will, der kann das nur dort tun, wo er sich in einem geschützten Bereich befindet, eben im Riad oder in der Hotelanlage. 

Noch ein Wort zu unserem tollen Riad

Unser Riad Dar Khmissa ist übrigens wirklich sehr empfehlenswert, hier bekommt man (bis auf die Gebetsrufe) von der Stadt überhaupt nichts mit, das Personal ist extrem zuvorkommend und wir haben uns in dem kleinen, verschachtelten und sehr sauberen Haus wirklich sehr wohl gefühlt <3 

Nur das Dinner dort würden wir nicht unbedingt empfehlen. Natürlich lecker, aber auch – vergleichsweise – sehr teuer: 225 dh haben wir pro Person für ein Drei-Gänge-Menü mit Wasser gezahlt. Für deutsche Verhältnisse natürlich nicht viel, aber wenn man bedenkt, dass eine Tajine (Hauptmahlzeit) überall sonst nur so 45-80 dh kostete, war es das nicht unbedingt wert. 

Debbie im Riad Dar Khmissa
Debbie im Riad

Über 100-120 dh muss man eigentlich für 3 Gänge in normalen Gaststätten nicht zahlen und bekommt trotzdem frisch gekochtes Essen und für 15 dh noch einen frisch gepressten Orangensaft dazu!

Lass uns deine Meinung da! Warst du selbst schon mal in Marrakesch? Wie fandest du es? Und wenn nicht, würdest du gern mal hin?

Hier nochmal alle Bilder als Galerie:

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