[Erlebnisbericht] Sternenhimmel und Flugsand in der Wüste von Zagora

Einmal die Weite und Ruhe der Wüste erleben und fernab von allen Störungen den Sternenhimmel über der Wüste sehen – das war unser Traum. Und damit das was wird, haben wir für unsere Marokko-Reise ganze vier Nächte in der Wüste gebucht. Zwei davon hatten wir bereits in den atemberaubenden Sanddünen von Erg Chebbi bei Merzouga verbracht – aber Ruhe und Sternenhimmel fanden wir zufällig dort nicht.

Nun bekam die Sahara nochmal eine Chance, uns mit ihrer Wüstenartigkeit zu beeindrucken.

Auf dem Papier sah das Programm des Zwei-Nächte-Abenteuers bei Zagora genauso aus wie das bei Merzouga: Ritt auf Dromedaren zum Camp, Abendessen im Camp, traditionelle Berbermusik, Übernachtung im fest errichteten Berberzelt, Frühstück, Ausflug auf Dromedaren weiter in die Wüste, Mittagessen, Abendessen, Berbermusik, Übernachtung, Frühstück, Rückkehr nach Merzouga auf Dromedaren.

Was uns von unserem Wüstentrip nach Zagora für immer in Erinnerung bleiben wird, ist dies:

  • die gold-beigen Sanddünen mit ihren filigranen Wellenmustern
  • wunderschöne Sonnenuntergänge,
  • einen kleinen Vorgeschmack auf Sandstürme in der Wüste,
  • zwei Nächte unter funkelnden Sternen direkt auf dem Sand,
  • eine Mallorca-Nacht mit feiernden Briten,
  • eine Nacht ohne andere Touristen in völliger Ruhe, inkl. Candle Light Dinner unter Sternen,
  • und insgesamt ein rauheres und ursprünglicher wirkendes Wüstenerlebnis!

Die rote Linie ist unsere Reiseroute, sie führt im Süden nach Ouled Driss, von wo aus wir mit den Dromedaren zum Camp (roter Pin) in die Wüste ritten.

Nur Worte und Bilder sagen mehr als 1000 Worte! Lest in diesem Beitrag, warum wir die Wüste von Zagora ins Herz geschlossen haben. Der Bericht ist recht lang, weil er für uns auch eine Art Erinnerung darstellt 😀 Viel Spaß beim Lesen!

Erfahrungsbericht: Wüste von Zagora

Zunächst ein paar formale Infos zu unserem Camp (organisiert vom Hotel Zagour in Zagora):

  • Lokalisierung: in der Sahara 53 km südlich von Zagora, 6,5 km nordöstlich von M’hamid
  • Trinkwasser war nicht inbegriffen, auch nicht zum Essen. Einzige Ausnahme: Tee/Kaffee
  • Festes Zelt mit großer Matratze am Boden und zwei Einzel-Feldbetten, mit sehr rudimentärer Bettwäsche
  • Insgesamt 13 Gästezelte
  • Gemütliches, mit Teppich ausgelegtes Gemeinschaftszelt mit niedrigen runden Tischen und Bildern an den Zeltwänden
  • Toilettenzelt mit getrennten Bereichen für Männlein und Weiblein – Anlagen aber relativ rudimentär und am 2. Tag gab es kein Wasser mehr

Was für Kleidung wir dir für die Wüste empfehlen, erfährst du hier!

Unter den Eindrücken von Merzouga weiter nach Zagora

Wir hatten Merzouga (hier geht’s zum Bericht) hinter uns gelassen und fuhren die 300 km Richtung Zagora weiter, wo das nächste Wüstenabenteuer auf uns wartete.

Ich, Debbie, trug tatsächlich eine kleine Depression im Herzen und starrte aus dem Autofenster auf die vorbeiziehende karge Landschaft. Gedanklich wünschte ich mich zurück in Erg Chebbi und die malerischen Sandberge. Aber natürlich freuten wir uns auf die kommenden Tage in der Wüste von Zagora.

Merzouga oder Zagora
Lieber nach Merzouga oder nach Zagora? Erfahre hier mehr!

Wir waren uns einig, dass Zagora es schwer haben würde, Merzouga zu toppen. Aber – das weiß ich jetzt im Nachhinein – es geht hier gar nicht darum, welche Wüste oder welches Camp besser ist! Denn obwohl wir beide Male ein identisches Grundgerüst hatten, waren die Aufenthalte und die Landschaften völlig unterschiedlich. Ich kann nicht sagen, ob nun Merzouga oder Zagora „besser“ war, denn beides hatte seine Vor- und Nachteile, und beides ist absolut unvergesslich!

Aber nun sind wir in Zagora angekommen, und jetzt geht es los 😀

Fahrt in die richtige Wüste

Zunächst stand erst noch eine Übernachtung in Zagora selbst an, erst am Nachmittag des nächsten Tages Sollte es etwa 80 km weiter nach Süden gehen, zum verschlafenen Wüstendorf Ouled Driss. Dort würden wir auf die Dromedare steigen und zum nächsten Camp reiten, wo wir die nächsten beiden Nächte verbringen würden.

In Zagora meldeten wir uns also am nächsten Tag im Hotel Zagour, das den Wüstenausflug organisierte. Der nette Kerl, der uns das Wann und Wo erklärte, konnte sogar selbst ein paar Brocken deutsch und hatte mal den Schwarzwald besucht 😀 Er drückte uns den Ausdruck einer minimalistischen Karte in die Hand, mit der Adresse eines Campingplatzes in Ouled Driss, wo unsere Tour beginnen würde. Um 16:30 sollten wir dort sein. 

Aus Merzouga kannten wir es so, dass zum Startzeitpunkt die ganze Gruppe zusammen aufbricht. Bis dahin muss man dann eben warten. Und auf Warten am Auto auf einem Campingplatz hatten wir keine Lust ^^ Also fuhr ich ganz langsam.

Als wir auf der Straße nach Ouled Driss eine Bergkette überquerten, kamen wir an mehreren großen Warnschildern vorbei. Sie wiesen in mehreren Sprachen darauf hin, dass wir jetzt in die Wüste fahren. Dort ist Wasser kostbar, Besucher sollen sich verantwortungsbewusst verhalten und den Menschen und ihrer Lebensweise gegenüber tolerant sein. Okay, das ist schon mal was ganz anderes als in Merzouga. Da kommt sofort ein Gefühl von echtem Erlebnis statt Abenteuerspielplatz auf!

Hinweisschild bei der Einfahrt ins Draa-Tal von Zagora aus: Wasser ist ein Schatz
Hinweisschild bei der Einfahrt ins Draa-Tal von Zagora aus

Trotz aller Bemühungen, langsam voranzukommen, kamen wir trotzdem schon gegen 15 Uhr in Ouled Driss an. Langsam fuhren wir durch den in Lehmbauweise gebauten Ort, der dadurch sehr afrikanisch wirkte. Es gibt ein paar Unterkünfte, aber es ist keine reine Touristenabsteige wie Merzouga.

An einem wild winkenden Typ im blauen Kaftan fuhren wir vorbei – gerade in Merzouga hatten wir es mehrfach erlebt, dass uns findige Tourguides vors Auto sprangen, die für ihre Trips ins Camp noch Plätze verhökern wollten. Pierre wies mich aber darauf hin, dass dieser Typ hier zwei Dromedare aufbruchbereit neben sich sitzen hatte. Ob der auf uns gewartet hatte?

Ich drehte um und fuhr zurück. Der Kerl, ein junger Mann mit kurzer Rastafrisur, grinste uns zu und bedeutete uns, dass er wirklich auf uns wartete. Wow! Kein ewiges Warten auf den Rest der Gruppe, sondern eine Einzelführung zum Camp 😀 Offenbar hatte der Schwarzwald-Mensch in Zagora schon gemeldet, dass wir unterwegs sind. Schon mal sehr erfreulich. 

Kauft euch erstmal Wasser!

Hassan, so hieß Rasta, fragte uns, ob wir auch genug Wasser dabei hätten. Ups – in Merzouga bekamen wir immer genug Wasser, aber hier mussten wir wohl selbst dafür sorgen. Wir schüttelten die Köpfe. 

Da drüben sei ein Laden, sagte Hassan. Kauft euch lieber noch 10 Liter Wasser. Auf den Kamelen sei genug Platz dafür. Na gut, besser zuviel als zu wenig. Wir stiefelten also rüber. Der angesprochene Laden war von außen eigentlich kaum als Laden zu erkennen – es war einfach ein winziger Raum mit ein paar Regalen an allen Wänden. Davor gestikulierten ein paar Kerle herum, aber als wir Anstalten machten, den Raum zu betreten, quetschte sich einer von ihnen an uns vorbei und klappte vor dem Eingang eine Theke runter. Es war wie in einem Rollenspiel 😀 

Wir kauften zwei 5-Liter-Flaschen, eine davon schnappte sich gleich Hassan, der hinter uns hergeschlappt war. Er verstaute beide Flaschen und unsere Rucksäcke in einem großen Taschenüberwurf auf dem vorderen Dromedar. So ein Proviantkamel hatte es in Merzouga auch nicht gegeben. Die beiden Taschen schnürte Hassan zusammen und warf noch zwei Decken oben drüber. Fertig war mein Sattel – im Gegensatz zu Merzouga saß ich auf diesem Kamel mehr wie auf einem Stuhl, mit den Beinen nach vorne. So sitzt man gleich viel angenehmer!

Insgesamt hatte ich gleich den Eindruck, dass Hassan (bzw. alle Kamelführer unseres Camps in Zagora) tatsächlich eine Beziehung zu den Tieren hatte. In Merzouga war nicht zu bemerken, dass die Kamelführer die Kamele mal tätscheln oder mit ihnen reden, aber Hassan machte genau das. Obwohl die Kamele in Merzouga auf mich auch keinen schrecklich ausgenutzten Eindruck gemacht hatten, sahen diese hier noch etwas erfrischter aus, ich weiß nicht, woran ich das festgemacht hatte. Ist vielleicht auch eine Täuschung.

Durch eine eigenartige Savannen-Wüstenlandschaft

Dann ging es umgehend los und nach ein paar Metern entlang der Campingplatz-Lehmmauer (von Campingplatzbetrieb haben wir übrigens nichts gesehen) bog Hassan direkt ab Richtung Norden, wo es auch schon bald keine Häuser mehr gab. Viel Bebauung hat Ouled Driss aber sowieso nicht.

Über einen festgetretenen Pfad schaukelten wir langsam zunächst zwischen verstreut herumstehenden Palmen und Tamarisken hinein in eine bizarre Wüstenlandschaft. Hier wechselten sich beige Dünen mit ausgetrocknetem Boden, niedrigen Lehmplateaus und fast vollständig eingewehten Tamariskenbäumen ab. Teilweise wirkte es wie ein ausgetrocknetes Flussbett. Weiter im Norden nehmen die Sanddünen aber zu – daran besteht also in der Zagora-Wüste auch kein Mangel.

Die eigenartige Wüste nördlich von Ouled Driss
Die eigenartige Wüste nördlich von Ouled Driss. Leider nur schlechte Handy-Qualität

Hassan war nett, aber leider kamen wir nicht recht ins Gespräch, weil er nur rudimentäre Englisch-Kenntnisse hatte. Ungefähr so rudimentär, wie wir französisch und arabisch konnten – so blieb der Ritt zum Camp eher still. Aber das war auch okay, denn die Landschaft war so faszinierend, dass man sich daran gar nicht sattsehen konnte.

Während in Merzouga “nur” Dünen zu sehen waren, erstaunte mich hier in der Zagora-Wüste der Wechsel der Landschaftselemente. Die Tamarisken sind oft derartig verrückt gewachsen, dass man kaum glauben kann, dass sie noch leben. Manche stecken “bis über beide Ohren” in Sandhügeln. Außerdem zogen kleine Schäfchenwolken über uns hinweg und warfen schöne Schatten über die Dünen – es sah gigantisch aus!

Mit Hassan zum Camp. Hier wirkt die Wüste mehr wie ein ausgetrocknetes Gewässer

Die Sandwüste verliert nicht an Reiz

Nach einiger Zeit kamen wir dann schließlich an unserem Camp an. Es liegt in einer Mulde direkt zwischen den Dünen – manche der Zelte selbst fast schon eingeweht. Die Gästezelte stehen in einem Rechteck um einen Mittelbereich mit Platz für ein Lagerfeuer, am Kopfende des Rechtsecks befindet sich ein großes Gemeinschaftszelt. Etwas abseits auf jeder seite das Toilettenzelt und das Zelt für die Camp-Crew.

Unser Camp in der Zagora-Wüste im Draa-Tal. Im Hintergrund sind die Dünen von Erg Lihoudi zu sehen
Unser Camp in der Zagora-Wüste im Draa-Tal, geknipst von einer höheren Düne aus. Im Hintergrund sind die Dünen von Erg Lihoudi zu sehen.

Ein Berber im weiß-gelben Kaftan mit einem blauen, das Gesicht fest umschließenden Turban nahm uns in Empfang. Mustafa, so hieß er, zeigte uns unser Zelt und lud uns ein, jederzeit ins große Zelt kommen zu können, wo es dann Tee gäbe. Mustafa schien so eine Art Camp-Patriarch zu sein, er war auch etwas älter als die Kamelführer, die wir in Merzouga und auch in diesem Camp in Zagora kennengelernt hatten. Wobei es uns nicht gelang, sein Alter irgendwie einzugrenzen ^^ Könnte alles zwischen Ende 20 und Anfang 40 sein.

Wir luden unser Zeug im Zelt ab und es war ja noch recht früh – bis zum Sonnenuntergang und Abendessen war noch viel Zeit. Vom Schwarzwald-Menschen in Zagora wussten wir, dass abends noch eine Gruppe Briten eintreffen würde.

Wir waren froh, dass wir schon vor allen anderen da waren und spazierten in den Dünen herum, fasziniert darüber, dass solche Sanddünen ihren Reiz nicht verlieren. Irgendwie hat die Wüste einen beruhigenden Effekt auf mich 😀 Während ich es sonst hasse, untätig irgendwo herumzusitzen, machte es mir hier nichts aus, und so verging die Zeit im Fluge – wir liefen herum, setzten uns schließlich auf eine höhere Düne und warteten auf die Ankunft der Briten.

Langsam näherte sich die Sonne dem Horizont, als wir schließlich zwei Dromedare mit Leuten drauf und einem Führer davor sichteten. Das sollten die “britische Gruppe” sein? Naja, wir machten uns auf den Rückweg zum Camp, schließlich würde das offizielle Programm bald losgehen. Es stellte sich heraus, dass die beiden keine Briten waren, sondern eine italienische Mutter mit Tochter.

Die britische Invasion

Also setzten uns direkt am Camp auf eine Düne und vielleicht eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang begann die britische Invasion

Sie kamen nicht per Kamel, sondern wurden per Geländewagen angekarrt. Ein Wagen nach dem anderen fuhr vor, am Ende waren es fünf oder sechs Wägen, jeder bis unters Dach voll mit Briten, die meisten so im Alter von Mitte 20 bis Mitte 30.

Skeptisch beäugten wir das Geschehen. Pierre ahnte schon Schlimmes, als wir sahen, dass jeder Wagen mindestens eine Kühlbox dabei hatte. Ich amüsierte mich noch kurz, als ich beobachtete, wie eine Frau ihren Rollkoffer durch den Sand zu ihrem Zelt zog, aber das Grinsen verging mir, als irgendjemand ein Batterieradio aus dem Gepäck wühlte und einschaltete. Dieses Ding lernten wir in den nächsten Stunden abgrundtief zu hassen.

Die Britendüne direkt am Camp
Die Britendüne direkt am Camp

Heraus schallte irgendwas Gruseliges zwischen Pop und Techno, aber keines von beidem so richtig und schrecklich nervig. Als erste Bierdosen zischten, verzogen wir uns auf eine entferntere Düne, um dort in Ruhe (“in Ruhe” bei dem Krach!) den Sonnenuntergang zu genießen. Die Briten hatten die vielleicht 20 Meter hohe Düne direkt am Camp bezogen und hatten viel Spaß mit dem Sand und dem Alkohol. Ohje, das wird eine laute Nacht….

Übrigens haben wir in den zwei Wochen Marokko keinen Tropfen Alkohol getrunken und vermissten ihn auch nicht. Alkohol ist in islamischen Ländern nicht sehr verbreitet und daher auch auf vielen Speisekarten gar nicht zu finden. Irgendwie kam es uns unpassend vor, als Tourist in die Wüste zu fahren und dort etwas zu trinken, was eigentlich gar nicht hierher gehört.

Pierre Skywalker schaut sich den Sonnenuntergang an
Pierre Skywalker schaut sich den Sonnenuntergang an

Die Trance-Karawane und der Umgang mit Kamelen

Kurz nachdem die Sonne unter dem Horizont verschwunden war, trafen auch noch einige Mini-Karawanen ein. Aus verschiedenen Richtungen kamen Guides mit ein paar Kamelen, aber ohne Touristen. Viele der Guides ritten dabei auch selbst – das war was, was wir in Merzouga auch nicht gesehen hatten. Dort hatte kein einziger Guide auf einem Kamel gesessen – hier in Zagora kam das aber dauernd vor.

Das Bild faszinierte mich: Traditionell gekleidete Berber auf einem Kamel in der Wüste, ohne Touristen, die das Bild wieder zerstören! Da kann man fast schon die lärmenden Briten vergessen und sich in frühere Zeiten versetzt fühlen 🙂

Berber mit zwei Kamelen
Abends trifft noch ein Kamelführer mit Kamel ein

Zuletzt kam ein Berber, der schon von weitem zu hören war. Er saß auf einem Kamel und hatte noch ein weiteres Kamel hinter sich, das er mit gesammeltem Holz für das spätere Lagerfeuer beladen hatte. Ein passendes Bild in der Wüste. Absolut anachronistisch daran war die laute Handy-Musik, die uns entgegenschallte: Dieser Berber erfreute sich an Trance-Klängen, also schneller elektronischer Musik mit darin schwebenden sphärisch verzerrten, hellen weiblichen Stimmen, die über the sky, the stars und the horizon sangen. Warum nicht – aber diese Trance-Karawane wirkte einfach komplett surrealistisch 😀

Wie erwähnt hatte ich von Anfang an im Zagora-Camp das Gefühl, dass die Kamele hier mehr Freiheiten genießen. Und zwar buchstäblich. In Merzouga trugen die Dromedare ihre Sättel auch nachts und die Guides banden ihnen eines der Vorderbeine hoch, so dass sie sich nur hoppelnd fortbewegen konnten. Das sah traurig aus und ich frage mich, ob das nicht schlecht ist für den Blutfluss… 

In Zagora wurden den Kamelen nicht nur die Sättel abgenommen, die meisten bekamen auch nur Fußfesseln, ihnen wurden also die Vorderbeine locker zusammengebunden, so dass sie nur kleine Schritte machen konnten.

Dromedare am Camp
Dromedare mit Fußfesseln am Camp

Nur besonders störrische Kamele bekamen auch hier das Bein hochgebunden – wir sollten am nächsten Tag noch merken, dass sich die Dromedare trotz Fußfessel in kurzer Zeit davon machen können 😀 Außerdem widmeten die Guides ihren Tieren hier mehr Aufmerksamkeit. Insgesamt hatten wir das Gefühl, dass die Berber hier die Dromedare nicht als reine Arbeitssklaven ansahen, sondern durchaus als geschätzte Lebewesen mit Charakter.

Violetter Sonnenuntergang
Ich gebe es zu, die Farben sind etwas übertrieben – der Sand war nicht wirklich so violett, wie er hier erscheint. Aber die Foto-Rohdatei suggeriert es, und es sieht so nach einem Traum aus, dass ich es gelassen habe 🙂

Abendessen im Saunazelt

Eine Weile nach dem Sonnenuntergang und der kurzen Dämmerung stand nun das Abendessen an. Erfreulicherweise machten die Terrorbriten dafür ihre Höllen-Radiomaschine aus, aber im Zelt war es so heiß und stickig, dass ich während des Essens immer wieder nach draußen musste, um mich abzukühlen.

Wir bekamen wieder die traditionelle marokkanische Couscous-Suppe, danach eine Lamm-Tajine und dann Melonen. Also ein marokkanisches Standard-Essen, das wir auch aus Merzouga kannten (allerdings hat es dort besser geschmeckt).

Zwischendrin kam auch Mustafa kurz zu uns und raunte uns entschuldigend zu, dass die Briten ja leider sehr laut wären, aber morgen hätten wir das Camp für uns und auch für abends hätte sich bisher niemand Neues mehr gemeldet. Gute Aussichten 😀

Sofort nach dem Essen, das nur zwei oder drei Camp-Leute aufgetragen hatten, verzogen wir uns wieder ein gutes Stück weg. Die Kamelführer hatten es sich ebenfalls etwas abseits des Guide-Zelts auf einem Dünenkamm gemütlich gemacht, einer hatte sogar eine Matratze rausgetragen. Einer schlief schon, die anderen spielten mit ihren Handys.

Ich fand es aber interessant, dass es in diesem Camp zwei Fraktionen von Guides gibt: Die Kamelführer, deren Aufgabe ausschließlich die Kamele und das Rein- und Rausführen von Touristen zu sein schien, und das Camp-Personal, das kocht, aufräumt und bewirtet. In Merzouga hatten alle Guides alles gemacht – das hatte auch Said uns so erzählt.

Auf Decken in den Dünen

Hundert Meter oder so vom Camp entfernt setzten wir uns auf einen Dünenkamm und überlegten, wie wir den Abend überleben sollten. Im Camp war mittlerweile auch das Radio des Schreckens wieder an und laute, nicht näher definierbare Musik schwallte herüber. Die Briten hatten ein Wüstencamp in kürzester Zeit in den Ballermann verwandelt. 

Aber der Sternenhimmel war schön. Leider störte der Mond gewaltig, er stand im Zenit und durch sein Licht waren nur die helleren Sterne zu sehen. Weil wegen der britischen Invasion sowieso nicht denkbar war, Zeit im Camp zu verbringen, entschlossen wir uns, Decken raus zu holen und einfach auf der Düne liegen zu bleiben. Entweder, bis es so ungemütlich wird, dass wir doch ins Zelt müssen, oder bis der Mond untergeht und wir endlich den vielbeschworenen Wüstensternenhimmel sehen, wegen dem ich ja unbedingt in die Wüste wollte. 

Pierre schaut nach Westen
Pierre schaut nach Westen – im Hintergrund seht ihr wieder unser Camp

Und so schlichen wir uns an den zockenden Guides auf ihrer Düne und an der Hure Babylon, also der britischen Gruppe, vorbei (Mustafa saß mittendrin, ich weiß nicht, ob er halt musste oder ob er Lust auf die ausgelassenen Briten hatte), zogen uns Pullover über, putzten schon mal Zähne und verschwanden mit Decken zu unserer Düne. 

Eine Decke diente als Unterlage, mit der anderen deckten wir uns zu. Die Musik störte schrecklich. Dass die Briten nachts Terror machen, entbehrt allerdings auch nicht einer gewissen historischen Ironie ^^ Die über 90-Jährigen in Deutschland erinnern sich bestimmt noch >.< 

Irgendwann lief auch ein Guide an uns vorbei, weiter weg vom Camp. Der hatte wohl auch genug. Er setzte sich auf eine entfernte Düne und war die nächsten Stunden immer am leuchtenden Handy-Display zu erkennen 😀

Himmelbett in der Wüste

Es war trotzdem ein schönes Erlebnis, immer wieder einzuschlafen und aufzuwachen und dabei die Sterne über sich zu sehen. Bei jedem Aufwachen hatte sich das Sternbild Kassiopeia ein wenig weiter gedreht, die Plejaden waren aufgegangen und spät in der Nacht stieg auch Orion langsam über den Horizont.

Es war Anfang September und damit relativ frisch in der Wüste, aber nicht kalt. Klar, wir hatten die Klamotten inkl. wärmendem Pulli an und eine wärmende Wolldecke über uns drüber. Vielleicht fror auch die Nasenspitze ein wenig, aber das war absolut im Rahmen.

Mit der Sandmatratze musste ich mich erst noch anfreunden. Aber wenn man sich klar macht, dass das kein harter Boden ist, sondern man sich seine Kuhle so graben kann, wie man Lust hat, passt es perfekt. Sprich: Nur ein bisschen mit dem Hintern so wackeln, dass der Sand eine gut passende Unterlage abgibt 😀

So vergingen einige Stunden. Gegen drei Uhr oder so, der Mond sank nun deutlich gen Horizont, lief die Musik der Briten noch immer. Ich wachte auf, als Pierre aufstand und zum Camp ging, um den Krach endlich abzustellen. Immerhin hatten die Briten dann auch ein Einsehen. Endlich herrschte Stille. Dass der Akku des verdammten Radios so lange mitgemacht hat, wunderte mich.

Alles ist voller Sterne

Andromeda-Galaxie
So sieht Andromeda mit großem Teleskop aus (© Adam Evans, CC BY 2.0)

Weil der Mond um diese Uhrzeit schon dunkler geworden war, machte ich mich mit Hilfe der App Sky Map schon mal damit vertraut, wo Andromeda, unsere große Nachbargalaxie, zu finden sei (in der Nähe von Kassiopeia). Andromeda ist das am weitesten entfernte Objekt am Nachthimmel, das man mit bloßem Auge entdecken kann. Ein Gebilde aus hunderttausenden einzelnen Sternen in über 2,5 Mio Lichtjahren Entfernung.

Ein durchaus auffindenswerter diffuser Fleck im Nachthimmel also. Ich hatte Andromeda schon mal in einer sehr dunklen Nacht zu Hause gesehen, aber dafür muss es schon wirklich dunkel sein. Eine halbe Stunde oder so schaute ich zwischen App und Himmel hin und her, bis ich rausgefunden hatte, wo Andromeda zu sehen sein müsste, wenn der Mond endlich weg wäre ^^

Dann dämmerte ich wieder weg, und beim nächsten Aufwachen war es endlich so weit. Der Mond war untergegangen und kein Licht störte mehr unsere Sicht auf den Nachthimmel. Über uns glühten gefühlt Milliarden Sterne, deren Licht auch die Dünen ganz leicht aus der Finsternis holte.

Ich fand Andromeda wegen meiner Trockenübungen nun sofort. Wenn man weiß, wo sie ist, dann kann man sie auch gar nicht mehr übersehen! Mit bloßem Auge erkennt man einen diffusen, ovalen Lichtfleck, der eigentlich unscheinbar aussieht. Mit dem Wissen aber, was Andromeda eigentlich ist, ist er nicht unscheinbar, sondern ein Wunder. So unvorstellbar weit entfernt und so unvorstellbar riesig – und doch für uns ohne jegliche Sehhilfe erkennbar. Dunkle Sternennächte sollten ein Menschenrecht sein!

Das Problem bei so dunklen Nächten ist allerdings, dass man nun nicht mehr nur einzelne Fixpunkte hat, also die hellsten Sterne, mit denen man die Sternbilder gut erkennen und sich damit orientieren kann. Nein, auf einmal erscheinen so viele weitere Sterne, der gesamte Himmel ist einfach voll davon, dass es gar nicht so einfach ist, die bekannten Sterne zu erkennen und sich am Himmel zurechtzufinden.

Obwohl ich wusste, dass die Bilder zu Hause auf dem Bildschirm niemals das wiedergeben können, was wir vor uns sahen, machte ich mit meiner kleinen Powershot (die übrigens schon in Merzouga komplett versandet war, eine Schande..) mit Ministativ ein paar Bilder. Um mir selbst immer wieder vor Augen zu führen, wo Andromeda ist – nämlich hier:

Kassiopeia, Andromeda und die Plejaden über Zagora
Kassiopeia, Andromeda und die Plejaden über Zagora (Erklärungen gibt’s in ein paar Sekunden!)

Dann schliefen wir wieder ein. Beim nächsten Aufwachen um 6 Uhr war es noch stockfinster und wir entschieden uns, nun doch noch für zwei Stunden ins Zelt zu kriechen. 

Im Nachbarzelt stritten übrigens gerade zwei Briten. Sie verließ irgendwann wutentbrannt das Zelt und knallte die Eingangstür zu (mit Teppich, wie bei einigen Zelten in Merzouga, wäre das deutlich weniger imposant gewesen :D). Endlich Ruhe.

Massenabfertigung zum Frühstück

Gegen acht wachten wir auf. Den Sonnenaufgang hatten wir verschlafen – waren aber auch gar nicht so scharf drauf. Jede Minute weniger wach mit den Briten ist zu begrüßen.

Wir kamen dann auch ziemlich passend zum Frühstück für die ganze Truppe. Bei so vielen Gästen fiel das ziemlich unromatisch aus: Schlange stehen und auf einen winzigen Teller ein paar Stückchen Fladenbrot und etwas Standardkram draufpacken. Das war wirklich nicht berauschend – aber ich sehe nicht, wie man das mit so vielen Leuten hätte besser machen können. 

Einer der Guides nickte uns anerkennend zu. Er hatte mitbekommen, dass wir die Nacht draußen verbracht hatten. Ob das der war, der an uns vorbeigeschlappt und dann stundenlang auf einer Düne gesessen hatte? Man wird es nie erfahren. Kann aber sein, denn er erzählte, dass diese Briten eeeewig lang auf waren. Er wäre morgens um vier ins Gemeinschaftszelt gekommen und hätte dort den armen Mustafa gefunden, der auf seinem Handy irgendwas spielte. Als Camp-Chef muss er wohl so lange aufbleiben, bis alle Gästlein den Weg ins Bettchen gefunden haben, damit niemand was kaputt macht.

Debbie in der Wüste
Debbie in der Wüste

Danach war für die Briten endlich Abreise angesagt (darf man Brexit sagen?): Der Spuk von der Insel verschwand so schnell, wie er gestern Abend aufgetaucht war. Die Briten quetschten sich in ihre Geländewagen, drehten das Radio wieder voll auf und schwupps, das Problem hat nun jemand anderes. Auch die beiden Italienerinnen brachen wieder auf. Die Mutter unter Wehklagen – die hatte schon auf dem Hinweg wenig Freude auf dem Wüstenschiff gehabt und wäre wohl lieber mit den Briten mitgefahren.

Und auf einmal herrschte Ruhe. Wie nach einem Wikingerüberfall auf ein englisches Kloster (ok, in diesem Fall ein Britenüberfall auf ein arabischers Handelslager), es musste nur noch das Chaos beseitigt werden. Was ja zum Glück nicht unser Job war.

Über Schlangen und Mäusehäuser

Nachdem wir ein wenig herumgelungert waren, holte uns Hassan zu unserem kleinen Ausritt ab. Wir waren gespannt, denn in Merzouga war dieser Ausflug ein absolutes Highlight gewesen.

Hassan führte uns eine Dreiviertelstunde vom Camp weg und wir rasteten dann im Schatten einer Tamariske am Rand einer weiten Geröllebene. Hassan nahm den Kamelen ihre Satteldecken ab und band ihnen die Vorderbeine zusammen, damit sie sich ein wenig bewegen können. Wir setzten uns auf eine der Decken und schauten dann zu, wie er (natürlich) Feuer machte und (natürlich) Tee aufsetzte.

Käferspuren im Sand
Käferspuren im Sand

Mit Händen und Füßen versuchten wir, ein wenig ins Gespräch zu kommen, aber mangels französisch- und arabisch-Kenntnissen auf unserer Seite und fehlender englisch-Kenntnisse auf seiner Seite klappte das nur rudimentär. Auf dem Weg hierher hatte Hassan uns ein paar Spuren im Sand gezeigt, unter anderem auch die einer Schlange (eng. Snake, das wusste er) und einer Maus (frz. Souris). Ich wusste nicht, was “Souris” ist und er versuchte zu erklären: Snake mange la souris (= Schlange isst “Souris”). Ah, Mouse?, fragte ich. 

Hassan reagierte nicht, sondern tippte auf seinem Handy. Kurz darauf hörten wir eine Computerstimme sagen “MOUSE”. Ja, also Maus 😀 Gut, darauf kann man dann aufbauen. Unter unserer gewaltig schief gewachsenen Tamariske zeigte er uns nun ein Loch im Baum und sagte: “Maison de souris”, also “Haus von Mäusen” 😀 

Trotz App funktionierte die Unterhaltung aber trotzdem nicht so richtig. Es ist auch nicht so einfach, mit Händen und Füßen über abstraktere Themen zu sprechen. Schade, aber der Fehler liegt bei uns, oder vielleicht bei mir. Immerhin hatte ich ja sogar mal französisch gelernt 🙁

Kamele auf der Flucht

Die Dromedare, die zuerst noch glücklich an der halbtot erscheinenden Tamariske knabberten, hatten sich im Laufe des Teekochens immer weiter von uns entfernt. Hassan ließ es zu, auch wenn er ihnen sowas hinterherrief wie “Lauft nicht so weit weg” 😀 Trotz der Fußfesseln können sich die großen Tiere in kurzer Zeit doch durchaus weit weg bewegen, wenn sie es darauf anlegen. 

Hassan wirkte aber nicht beunruhigt. Irgendwann stand er auf und rief die beiden, als sie bestimmt schon 200 m weit weg waren. Das eine Dromedar schaute auf und drehte sich aufmerksam zu uns – und dann wieder weg. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, es lachte Hassan aus 😀 Der verdrehte auch nur die Augen, zuckte mit den Schultern und sagte „Ils n’écoutez pas“, sie hören nicht. Kann man nix machen, kennen wir von unseren Katzen ^^

Dromedar und Tamariske
Dromedar und Tamariske. Das Dromedar sieht so gut gelaunt-grinsend aus 🙂

Tamarisken sind übrigens interessant – und ein trauriges Zeichen. Sie wachsen dort, wo durch salzigen Boden sonst keine Bäume wachsen können. Im Draa-Tal, wo wir uns ja befanden, sind sie wohl ein häufiges Bild. Schön für die Bäume – das bedeutet aber auch, dass die Böden dort sehr unfruchtbar sind. In dieser 30-minütigen Doku erfahren wir (unter anderem), dass die salzigen Böden und der weiter zunehmende Wassermangel in der Gegend über kurz oder lang dazu führen wird, dass die Orte M’hamid und Ouled Driss, die sich so lange Zeit mitten in der Wüste gehalten haben, nicht mehr bewohnbar sein werden. Wenn keine Pflanzen wachsen können, ist auch die Desertifikation nicht aufzuhalten.

Nach dem Tee fragte Hassan, ob wir noch mehr wollen, was wir diesmal aber verneinten, weil es einfach nicht so gemütlich war wie in Saids Oase in Erg Chebbi mit dem Brunnen und den Katzen (und Said). Also pirschte Hassan los, um die beiden Dromedare einzufangen. Die hatten die Dreiviertelstunde oder so genutzt, um ein ordentliches Stück Richtung Osten zu gehen. Sie ließen sich aber problemlos einfangen, und danach sattelten wir wieder auf und ritten zurück.

Schatten und Sand

Allzu lang waren wir ja nicht weggewesen und wir wussten nicht recht, was wir machen sollten. Die Optionen waren aber auch recht dünn. Option A: Irgendwohin und in den Schatten setzen. Option B: Nicht vorhanden – denn in der Wüste geht man nicht in der Mittagshitze einfach irgendwohin (wohin auch?) und in den Zelten hält man es auch nicht aus.

Dünen der Zagora-Wüste
Die Schönheit der Wüste ist auch bei Zagora betörend!

Wir schnappten uns also eine Decke und Wasser und suchten uns ein paar Dünen weiter einen Baum, der ausreichend Schatten spendete. Es mag zwar traurig und langweilig klingen, den Tag im Schatten herumliegend zu verbringen, aber es störte mich nicht. Im Schatten war es gut auszuhalten, es wehte ein leichtes Lüftchen und war wirklich angenehm. Selten finde ich es mal so entspannend, einfach zu liegen und nichts zu tun.

Recht schnell schlief ich auch ein, während Pierre ein Buch auf seinem Kindle las. Was aber klar war, traf auch irgendwann ein: Nach einer Stunde hatte sich der Schatten soweit fortbewegt, dass er für uns auf einem Dünenkamm nicht mehr nutzbar war. Außerdem hatte der Wind zugenommen und wehte ständig Sand vom Kamm auf uns herab.

Überhaupt war die Luft voll mit winzigen Sandkörnchen. Wir wickelten uns bis zu den Augen in unsere Turbane, packten unsere Sachen und stapften weiter. Nutzbarer Schatten war nun knapp, und meistens flog gerade in Bodenhöhe oder hinter Kämmen jede Menge Sand herum, aber das war uns dann egal. In der Sonne stehen ist ja auch keine gute Idee.

Fliegender Sand
Hier seht ihr den feinen Flugsand, der über den Dünenkamm geweht wird

Also legten wir uns in den Flugsand, ich zog mein Tuch über den Kopf und entspannte weiter. Das Tuch hilft, aber nicht zu 100 Prozent. Der Sand ist derart fein, das mein Gesicht trotzdem ständig winzige Sandpartikel abbekam. Meine Klamotten dagegen sandeten schnell voll, der Sand landete einfach in jeder Falte. Aber: Das ist okay. So lange es Schatten ist und man sich damit anfreunden kann, einfach zu schlafen oder sich leichte Gedanken zu machen und darüber zu freuen, einen Mini-Sandsturm in der Wüste zu erleben, ist das gut zu akzeptieren 😀

Debbie mit dem Schal über dem Kopf
Debbie macht es sich im Flugsand gemütlich

Essen, schlafen und Sand

Nach einiger Zeit hörten wir Rufe. Wir fühlten uns zunächst nicht angesprochen, denn wieso sollte uns denn jemand rufen? Die Rufe hörten aber nicht auf und dann fiel uns ein, dass wir ja auch ein Mittagessen bekommen. Pierre stand auf und hechtete zum nächsten Dünenkamm mit Blick zum Camp. Dort war jemand auf eine Düne geklettert und rief nach uns. Pierre rief zurück und winkte. Wir packten zusammen und kehrten ins Camp zurück.

Dort hatte der Koch – ein Berber, den wir am Vorabend noch nicht bemerkt hatten – ein tolles Mittagessen für uns vorbereitet. Einer der runden Tische stand im großen Zelt hinter dem Eingang, davor gemütliche Sitzkissen, und schön drapiert unser Essen. Kaltes Gemüse, eine leichte Eier-Tajine und Honigmelone. Das war echt schön und was ganz anderes als die beiden Mahlzeiten davor, als jeder nur das nötigste bekam. Aber jetzt waren wir ja allein.

Dass der Sand durch den Eingang aufs Essen wehte, war dann auch nicht so schlimm. Sand schmeckt neutral 😀

Im Zelt selbst war es nicht so angenehm, davor wegen des Windes aber schon, und die Sonne stand mittlerweile so, dass das Zelt auch Schatten warf. Also setzten wir uns mit dem Rücken zur Zeltwand und an Kissen gelehnt draußen auf einen Teppich, schlugen die Tücher um den Kopf und gönnten uns einen Mittagsschlaf

Im Camp war auch alles wie ausgestorben. Die Guides ließen sich nicht blicken, es waren drei oder vier Leute da, aber die hielten sich alle in ihrem Staff-Zelt aus. Wer weiß, wie sie die Hitze ertragen. Wenn irgendwas ein lazy afternoon ist, dann dieser 😀 Aber es war kein unangenehmes lazy, sondern ein “es geht eben nichts anderes, also nehmen wir das Schicksal dankend an”-lazy.

Man gewöhnt sich an Sand in den Augen

Obwohl es auch nervig ist, wenn ständig irgendwo was rieselt und wir uns hinter Tüchern verschanzen mussten, war es auch toll, so einen Tag zu erleben. Fliegender Sand gehört zur Wüste mit dazu, und wir wollten ja Wüste erleben. Auch die Widrigkeiten. Jedenfalls waren wir heilfroh über unsere Kopftücher, die heute besonders als Windschutz dienten.

Debbie mit Turban ... nach einem langen Tag mit viel Sand in den Augen
Debbie mit Turban … nach einem langen Tag mit viel Sand in den Augen

Erst, als die Sonne sich langsam dem Horizont näherte, hatte ich keine Lust mehr, nur herumzuliegen. Ich stand auf und tigerte ein wenig im Camp herum. Der Wind wehte noch immer und ich bekam ständig einen Schwall ins Gesicht.

Zwar hätte ich gern Fotos von den sandigen Kaskaden gemacht, aber das wäre wohl das Todesurteil für meine sowieso schon sandgeplagte Kamera gewesen. Nur mit dem Handy traute ich mich, wo es schließlich keine beweglichen äußeren Teile gibt. Leider ist die Handyqualität nicht so richtig gut und es gelang uns nicht, ein richtig schönes Flugsand-über-Dünenkamm zu machen :-/

Aber es entstand dieses Bild von mir mit Turban, das mir gut gefällt. Kein gewöhnliches Selfie mit Gesicht verziehen, grinsen, kamerawirksam zur Seite schauen etc, sondern nur ein einziges Bild mit einem etwas matten Blick: So sieht man aus, wenn man den ganzen Tag Sand in der Fresse hat und die Augen deswegen leicht tränen. Man könnte also sagen, dass es ein authentisches Wüstenporträt ist 😀

Pierre hatte dann am Ende keinen Nerv mehr, im Flugsand zu sitzen und verzog sich doch ins Saunazelt. Ich kam mit und schlief nochmal eine Runde. Zwar sandfrei (wenn man das sagen kann, während man voller Sand ist), aber dafür schwitzend. Und im Lichtspalt, der zum Eingang hereinfiel, sah ich Myriaden winzige Sandstaubteilchen im Zelt herumtanzen. Der Sand ist überall!

Sanddünen von Zagora
Touristenkarawane in der Wüste bei Zagora

Herrliche Ruhe im Wüstencamp

Wie Mustafa es am Vorabend schon angekündigt hatte: Am heutigen Tag sollten keine neuen Touristen mehr nachkommen. Nach dem Party-Overkill gestern Abend waren wir nun zusammen mit ein paar Guides ganz allein im Camp.

Das zeigt einfach, was für eine Glücksache diese Wüstencamps sind. Man kann Pech haben und in eine Massenveranstaltung geraten, oder man hat Glück und bekommt das, wofür andere einen Aufpreis zahlen: eine individuelle Übernachtung im Wüstencamp ohne andere Touristen.

Wir waren aber auch wirklich pflegeleichte Gäste. Als der Wind sich kurz vor Sonnenuntergang endlich legte, setzten wir uns lieb auf die große ehemalige “Britendüne” und schauten nach Westen. Hin und wieder fuhr in der Ferne ein Geländewagen vorbei und unser Camp wurde wieder von mehreren Kamelführern ohne Touristen angesteuert.

Geländewagen bei Sonnenuntergang
Geländewagen bei Sonnenuntergang

Auch die Trance-Karawane traf ein. Der Berber, der gestern das Holz angeliefert hatte, kam aus östlicher Richtung angeritten, begleitet von “the staaaa-aaaa-aaaa-rs” zum atmosphärischen Beat, und hatte ein paar Kamele dabei. Er saß barfuß im Kaftan auf dem Kamel, sprang im Camp dann ab und kümmerte sich um die Tiere. Es gab ein paar Brotreste, mit denen er die Kamele anlockte. Irgendwie war mir der Kerl total sympathisch, obwohl wir nie mit ihm geredet hatten.

Kamelführer gibt seinem Dromedar Brot
Söhne der Wüste.. Kamelführer gibt seinem Dromedar Brot

Der Koch, der das Mittagessen für uns gekocht hatte, war an diesem Tag nur für uns im Camp. Ich glaube, weil heute kein Großküchenbetrieb herrschte, gab er sich für uns ganz besonders viel Mühe. Das hatten wir schon beim Mittagessen bemerkt, aber abends ging es auch gleich so weiter. Während wir noch auf der Düne saßen, kämpfte sich der nette Mensch mit Tablett und Teekanne zu uns nach oben, und so tranken wir oben auf einer Düne Tee, während die Sonne unterging.

Pierre beim Teertrinken
Auch Pierres Hose ist sehr elastisch, wie man sieht ^^ Hier beim Tee trinken im Camp der Zagora-Wüste

Candle Light Dinner unter Sternen

Dort saßen wir dann auch im Dunkeln noch eine Weile. Traurig, weil es die letzte Nacht in der Wüste war. Etwas besorgt, weil es im Toilettenzelt schon längst kein Wasser mehr gab. Und wir überlegten noch, ob wir später wieder draußen schlafen sollen – gestern war es ja nur aus der Not heraus, weil es im Camp so laut war.

Wüstencamp in der Dunkelheit
Wüstencamp in der Dunkelheit kurz nach Sonnenuntergang

Übrigens: Oberflächlich kühlt der Wüstensand nach Sonnenuntergang schnell aus. Aber wenn man mit der Hand ein wenig tiefer gräbt, stößt man auch einige Zeit nach dem Sonnenuntergang noch auf heißen Sand. Pierre war das aufgefallen und ich machte es nach. Als meine Finger plötzlich etwas Heißes spürten, zog ich zuerst erschreckt die Hand zurück. Ich dachte erst, ich hätte versehentlich irgendeine Schlange ausgegraben oder so (seit wann sind Schlangen heiß? ^^).

Schließlich rief uns der Koch zum Abendessen. Als wir herunterkamen und um die Ecke des Gemeinschaftszeltes traten, dachte ich, ich sehe nicht recht! Er hatte für uns einen der runden Tische vor das Zelt getragen und dort wieder Sitzkissen hingelegt. In kleinen Schälchen befanden sich diverse Leckereien und auch eine Tajine köchelte noch leise nach. An den Seiten zwei Schälchen, gefüllt mit Sand, in denen Kerzen brannten.

Ich war ganz erschlagen vor Freude darüber, wie schön wir es bekommen sollten <3 Dinieren in der Stille der Wüste unter Sternen, mit Kerzenlicht! Wenn man das Abendessen des Vorabends als Maßstab nimmt, hätte es auch gereicht, uns einfach das Essen auf einen der Tische zu knallen.

Die Guides blieben für sich, nur Hassan kam später kurz vorbei um zu fragen, ob wir Berbermusik möchten. Etwas unwohl war mir doch deswegen, aber wir lehnten ab. Es brauchen doch keine drei oder vier Berber trommeln und singen für nur zwei Zuschauer. Ich hoffte, dass sie das nicht als Beleidigung auffassten, aber Pierre vermutete, dass sie sich eher über einen längeren Feierabend freuen würden 😀

Nachdem wir dem Koch ein nettes Trinkgeld hinterlassen hatten, verschwanden wir auch wieder hoch auf unsere Düne. Die Entscheidung bezüglich Feldbett oder Düne fiel zugunsten der Düne – denn im Bett schlafen wir immer. Auf einer Düne in der Wüste unter Sternen so schnell nicht wieder.

Vom Nachbarcamp hörten wir die Berbertrommeln, aber bei uns herrschte Stille. Manche Guides legten sich auch wieder nach draußen, aber wir blieben für uns. Schade eigentlich – das Lagerfeuer mit Said bei Merzouga war wirklich sehr besonders, und ein Abend ohne andere Touristen wäre perfekt geeignet, um ein wenig ins Gespräch zu kommen …. Aber wir wollten die Kerle ja auch nicht stören.

Letzte Nacht in der Wüste

Wie in der Nacht zuvor legten wir uns zwischen Decken, nur diesmal direkt am Kamm der höheren Düne etwas schräg. Weil es so still war, schliefen wir auch schnell ein. Diese Nacht verlief im Vergleich zu der davor ruhig – wenig verwunderlich. Ich wachte nur ein- oder zweimal auf, weil eines der Dromedare randalierte. Es stapfte zunächst vor dem Zelt der Guides herum und wurde verscheucht und zupfte dann an einem Haufen aufgestapelte Stühle oder sowas herum und warf Sachen um 😀 Ich glaube, die Dromedare können auch zu Scherzen aufgelegt sein.

Als Nächstes erwachte ich dann genau richtig zum Monduntergang gegen halb vier Uhr. Der Mond stand tiefrot direkt über dem westlichen Horizont, versank und nahm sein helles Licht mit. Auf dem Bauch liegend schaute ich über den Dünenkamm und machte ein paar Fotos. 

Monduntergang im Westen
Monduntergang im Westen. Rechts der Mond, links das Licht von M’hamid – beides wirkt wegen der Langzeitbelichtung so hell, das Licht aus M’hamid war eigentlich kaum zu sehen

Nachdem der Mond weg war, kamen am wolkenlosen Himmel auch die Sterne wieder hervor und warfen kleine Schatten auf den Boden. Das mond- und wolkenlose Wüstenfirmament mit einer so guten Rundumsicht ist etwas, das man unbedingt einmal gesehen haben sollte!

Bei so einem klaren Sternenhimmel bekommt man als Betrachter wahrhaftig das Gefühl, nur ein winziges Staubkorn auf der Oberfläche eines unbedeutenden Planeten zu sein. So viele Sterne, so viele potentielle Welten, so große Entfernungen – und nur unsere merkwürdige, unsichtbare Atmosphäre zwischen uns und dem kalten All.

Nach dem Monduntergang war es richtig duster. Hier der Orion über den Zelten des Wüstencamps
Nach dem Monduntergang war es richtig duster. Hier der Orion über den Zelten des Wüstencamps

Wir schauten eine Weile in den Himmel und entschlossen uns dann, ins Zelt zu gehen (warum nur? Ich Depp! Letzte Nacht!). Vor dem Zelt stand Pierre noch eine Weile draußen und konnte sich nur schwer vom Himmel losreißen. 

Abschied von der Wüste

Am nächsten Morgen wartete wieder ein schönes Frühstück auf uns, das dem vom Vortag um Lichtjahre voraus war. 

Und dann war es Zeit, Abschied zu nehmen. Leider profaner, als ich das so schreibe – wir packten unsere Sachen auf die Dromedare und zogen los. Das Camp wurde glaube ich komplett verlassen – die Trance-Karawane folgte uns mit dem jungen Berber und dem Koch, die jeder auf einem Dromedar saßen. Natürlich untermalt mit den sphärischen Klängen eines Trance-Soundtracks. 

Komisch, beide Abreisen aus einem Wüstencamp waren sureal: In Merzouga hatte die Hälfte der Zeit eine Koreanerin ein Videotelefonat geführt (IN DER WÜSTE!!) und hier reiten wir auf Dromedaren, gefolgt von zwei Berbern auf ihren Tieren. Ein Bild, das optisch perfekt in ein wüsten-romantisches Gemälde des 18. Jahrhunderts passen würde – begleitet von höchst moderner westlicher elektronischer Musik.

Debbie auf dem Kamel
Das Bild habe ich wegen der Trance-Karawane im Hintergrund gemacht 😀

Auffällig ist, dass die Einheimischen nicht im “Touristensitz”, ein Bein auf jeder Seite, auf dem Dromedar sitzen, sondern eher im Damensattel reiten, also schräg auf dem Sattel sitzend. Das dürfte deutlich angenehmer sein und ich hätte es gern nachgemacht.

Zurück am Campingplatz wurde auch nicht viel Aufhebens gemacht. Hassan setzte uns beim Auto ab und wir winkten noch bei der Abfahrt. Das war’s.

Grund genug, wieder deprimiert zu werden. Nicht nur gab es jetzt für uns keine Wüste mehr, auch die Reise selbst näherte sich mit Riesenschritten ihrem Ende zu. Wir fuhren zurück nach Zagora ins Hotel, wo ich den restlichen Tag am Tablet einen Beitrag über die Wüste schrieb 😀

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