Ukraine – Ein Land zwischen West und Ost

Die interessantesten Erfahrungen auf Reisen macht man nicht als Tourist an Touristenorten, sondern wenn man sich unter die Einheimischen mischen kann. Das ist allerdings nicht wirklich leicht. Als Debbie 2009 zwei Wochen in der Ukraine unterwegs war, hatte sie aber das Glück, genau das zu sein: „irgendwie einheimisch„.

Es war nicht wirklich ein Urlaub, sondern eher ein Besuch. Mein damaliger Freund kam aus der Ukraine und seine Großeltern lebten noch dort – in Charkiw (ukrainische Schreibweise Харків), einer Millionenstadt ganz im russischsprachigen Osten der Ukraine. Von alleine wäre ich niemals auf die Idee gekommen, in die Ukraine zu reisen, doch die Eltern meines Freundes machten uns das schmackhaft. Schließlich ist es ihre Heimat, da muss doch die Freundin des Sohnes mal sehen, woher er stammt.

Da ich auf der gesamten Reise nur „Gast“ meiner damaligen Schwiegereltern war und ich die Reise nicht organisiert habe, ließ ich mich hier gewissermaßen einfach mittreiben und habe deswegen danach auch keinen schönen Bericht geschrieben wie etwa über meine Wohnmobil-Tour durch die USA. Aber da die Ukraine-Reise schon wirklich was Besonderes war und ich eben dort unterwegs war, wo normale Touristen sonst nicht hinkommen, liefere ich den Bericht heute, genau zehn Jahre später, noch nach 😀

In diesem Beitrag findet ihr daher auch weniger Tipps und Infos, sondern tatsächlich eher Eindrücke und viele Fotos aus einem merkwürdigen Land der Gegensätze. Die große Fotogalerie gibt es ganz unten.

Straßenverkehr in Charkiw
Hallo, hallo, die 80er rufen an und wollen ihr Auto zurück 😀 – Solange es fährt, ist ja alles gut

Keine Erwartungen und daher umso größere Faszination

Ich spreche kein Wort russisch. Okay, zum Zeitpunkt der Reise waren es vielleicht doch so 10-20 Wörter und ich konnte mit Ach und Krach kyrillisch lesen 😀 Aber mit Einheimischen unterwegs sein und bei Einheimischen unterkommen – da kann ja nichts schiefgehen. Die Eltern meines Freundes freuten sich, uns herumzuführen und uns all das zu zeigen, von dem sie fanden, dass man es als Ausländer mal gesehen haben muss.

Charkiw selbst ist eine junge Stadt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Das sieht man auch gleich, wenn man sich die Stadt im Satellitenbild anschaut – es ist einfach von oben kein verdichteter mittelalterlicher Ortskern festzustellen. Schwierige Topographie, finde ich 😀

Eine Vorstellung von diesem Land und den Leuten hatte ich nicht. Was ich dann tatsächlich sah und erlebte, hat mich ziemlich fasziniert, denn solche Gegensätze, wie man sie in der Ukraine findet – zumindest dort, wo ich war – hatte ich nicht erwartet.

Irgendwie wirkt es, als träfen hier immer wieder zwei Extreme aufeinander:

  • Pompös und bröckelnd,
  • gleißendes Gold auf Kirchendächern und triste Plattenbauten aus Beton,
  • modern westlich und improvisiert östlich
  • und natürlich reich und arm.

Und das alles oft in direkter Sichtweite zueinander. Das war sehr beeindruckend.

Anreise über Kiew und weiter mit dem Nachtzug

Ich weiß nicht mehr, warum wir das so gemacht haben, aber es hatte schon einen praktischen Grund: Wir flogen nicht direkt nach Charkiw, sondern erst nach Kiew und fuhren von dort mit einem Nachtzug weiter.

Hier bekommt man alles: Von der Gasmaske über verschiedene Sowjet-Orden bis hin zu SS-Stahlhelmen und Hitler-Büsten – ganz offen ausgestellt

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew hatten wir bis zum Abend ein paar Stunden Aufenthalt, während dem wir ein wenig durch die Stadt Stadt schlenderten. Zuvor machte ich aber erst noch Bekanntschaft mit anderen Toilettengewohnheiten: Statt Sitz-WCs gab es nur Hock-Toiletten, wie ich sie sonst von nur von komfortfreien Campingplätzen kannte. Und das direkt am Flughafen der Hauptstadt eines ganzen Staates, wow!

Auf dem Spaziergang durch etwas abgelegenere Stadtviertel bekam ich noch weitere Eindrücke, die sich dann während der restlichen Reise auch immer wiederholt haben: Es gab Straßenverkäufe (ich glaube halb illegal?), auf denen alle möglichen Sammelstücke verkauft wurden, darunter auch Hitler-Büsten, SS-Stahlhelme und Kinderkleider mit Judensternen. Da muss man schon ein wenig schlucken. Die Ukraine war während des Krieges durch die Deutschen besetzt – und heute landet das Zeug von damals eben im Straßenverkauf.

Aber auch handgemalte Gemälde werden direkt an den Straßen angeboten.

Kirche in Kiew
Wie ein Märchenpalast: Blaue Kirche mit goldenem Dach in Kiew

Auch die ersten Kirchen mit ihren typischen goldenen Zwiebeldächern fielen mir hier auf. Diese Kirchen haben einen völlig anderen Aufbau als unsere Gotteshäuser mit den langgezogenen Hauptschiffen und dem äußeren schlichten Aussehen. Christlich-orthodoxe Kirchen dagegen sind meistens nicht rechteckig, sondern grundlegend eher quadratisch und sehen oft aus wie ein Märchenpalast.

Abends stiegen wir dann in einen Nachtzug, wo wir ein Vierer-Abteil für uns hatten. Das war meine erste Nacht in einem Schlafwagen auf Gleisen 😀 Für die 400 km weiter nach Osten brauchte der Zug dann die ganze Nacht. Eine sehr angenehme Art des Reisens!

Aufenthalt bei Verwandten in Charkiw

Bald nach Sonnenaufgang rollte der Zug dann am Hauptbahnhof von Charkiw ein. Aus dem Fenster hatte ich bereits gesehen, dass die Gegend eher einen trüben Eindruck macht: Viele heruntergekommene Häuser, alles wirkte irgendwie verfallen. So auch der Hauptbahnhof. Müde und vom Vortag und verschwitzt von der Nacht im stickigen Abteil stieg ich aus dem Zug und fühlte mich wie auf einem abgelegenen Provinzbahnhof.

Am Gleisfeld gab es nichts, was auf die Bedeutung des Bahnhofs (Charkiw hat rund 1,5 Mio Einwohner) hinweisen würde. Nicht mal eine Unterführung, sondern nur eine wackelig aussehende Betonbrücke über die Gleise. Die wir aber nicht brauchten, ich lief einfach dem Menschenstrom über die mit Grasbüscheln bewachsenen Gleise zum Bahnhofsgebäude.

Das dann allerdings im kompletten Gegensatz richtig monumental ist. Erbaut im Jahre 1952, außen versehen mit schmucken Arbeiter-Figurengruppen und korinthischen Säulen, innen mit einer monumentalen Kuppel-Eingangshalle. Okay… Hauptsache der Schein von außen stimmt 😀

Eingang zum Plattenbau
Eingang zum Plattenbau, in dem Babuschka wohnt… Ich war erst entsetzt, wie runtergekommen das aussieht. Aber so schlimm ist es nichts. Im dunklen, immer offenen Hausflur stehen auch Schälchen mit Essen für streunende Katzen herum

Untergekommen sind wir dann in der Wohnung des Partners der Großmutter (Babuschka) meines Ex-Freundes in einem stadtrandnahen Bereich im Nordosten von Charkiw. Der gute Mann hatte extra für uns beide seine winzige Wohnung im 3. Stock eines Plattenbaus geräumt und war für die Dauer unseres Aufenthalts nur ein paar Plattenbauten weiter in die fast genauso winzige Wohnung von Babuschka übergesiedelt, in der sie dann zu viert verteilt auf Betten und Sofas wohnten.

In deren 50er Jahre-anmutenden Stube gab es natürlich ein Wodka-berauschendes Willkommens-Abendmahl. Die Verwandten waren sehr herzlich zu mir, aber leider konnten wir uns nicht verständigen – ich konnte kein russisch und sie kein englisch. Aber egal, gelegentlich bekam ich etwas übersetzt und genoss es ansonsten, 2000 km von zu Hause entfernt so freundlich aufgenommen worden zu sein.

Krasse Gegensätze in Charkiw

Die nächsten Tage verbrachten wir ausschließlich in der Stadt. Wir schauten uns diverse Kirchen und Plätze an – in den Kirchen müssen Frauen rudimentär Kopftücher tragen, es ist relativ dunkel und Weihrauch-verräuchert -, besuchten eine Delphinshow und machten zahlreiche Spaziergänge.

Der Stadtrand war von unserem Viertel nicht weit entfernt, und stadtrandiger kann ein Stadtrand nicht sein: Hier stehen noch mehrstöckige Plattenbauten und direkt daneben beginnt das freie Feld, das langsam in den Wald übergeht.

Stadtrand von Charkow: Vom mehrstöckigen Plattenbau direkt auf die Wiese – da gibt es keine Kompromisse

Bei den wenigen Gelegenheiten, als sich mein Freund und ich allein allein aufmachten, schärfte uns sein Vater ein, öffentlich nicht laut deutsch zu sprechen. Ob er befürchtete, dass wir dann nur doof angelabert werden oder sogar Probleme bekommen könnten, weiß ich nicht mehr. Ich fand es auf jeden Fall sehr merkwürdig, in einem Land unterwegs zu sein, in dem ich komplett auf das Vorsprechen anderer angewiesen war.

Möglicherweise lag es auch daran, dass sich nicht unbedingt so viele deutschsprachige Touristen nach Charkiw verirren und man die Deutschen vielleicht noch aus den Erzählungen der Großelterngeneration kennt. In/bei Charkow gab es mehrere heftige Schlachten im 2. Weltkrieg, durch die die Stadt weiträumig zerstört wurde – und während der Besatzung wurden Tausende Menschen von Deutschen getötet.

Babuschka hatte diese Zeit noch erlebt – ein weiterer Grund, sich als Deutsche merkwürdig zu fühlen. Zusammen machten wir eine kleine Wanderung am Stadtrand entlang, wo im Wald noch Gräben und Wälle aus den damaligen Kämpfen zu sehen sind.

Reichtum und Armut nah beeinander

Überall in der Stadt bemerkte ich wieder diese beiden Extreme, die ich oben schon beschrieben habe. Bröckelnde Plattenbauten auf einer Straßenseite, umzäunte, großflächige Anwesen reicher Besitzer auf der anderen. Eine gewisse einfache Anmut von hübschen Sonnenblumen, die irgendwie im Schatten der Plattenbauten überlebt haben.

Streunende Straßenhunde und -katzen überall – da tut es einem in der Seele weh, wenn so ein Tier hinter einem herläuft oder wenn man die Katze mit ihren tapsigen jungen unter der Trittplatte zum eigenen Wohnhaus hausen sieht.

Sowjet-Nostalgie an allen Ecken und Enden?

Kriegerdenkmal in Charkiw
Die ewige Flamme brennt vor einem Kriegerdenkmal

Der riesige, aber sehr leere monumentale Freiheitsplatz mit seiner 20 Meter hohen Lenin-Statue (2014 von Demonstanten umgestürzt), überall sowjetische Embleme wie Reliefs und Abbildungen von Hammer und Sichel, fünfzackigem Stern, Arbeitern und Soldaten. Wie es mittlerweile, also 2019, aussieht, weiß ich nicht, aber 2009 schien es zumindest, als herrschte eine gewisse Nostalgie in Bezug auf frühere Zeiten.

Das zeigten auch sowjetische Kriegerdenkmäler, die in der Ukraine mitnichten einfach nur ein schlichtes Monument sind, wie bei uns. Nein, hier sind es ganze Plätze, sorgfältig begärtnert und solide in Marmor eingefasst, mit trauriger Musik aus Lautsprechern beschallt und von einer ewig brennenden Flamme erhellt – Blumensträuße in allen Verwelkungsstadien vor dem Denkmal inklusive.

No risk, no risk!

Auf den Straßen fuhr alles, was irgendwie einen Motor tragen konnte. Uralte, klapprige Rostlauben aus den 80ern genauso wie fast schon panzerartige Jeeps, alte Straßenbahnen, kleine Busse mit darauf befestigten Gasflaschen, die Straßen begleitet und überspannt von fragwürdigen und potentiell tödlich wirkenden Elektrokabel-Installationen. Das ganze eingerahmt von bröckelnden Monumental-Fassaden und den allgegenwärtigen Plattenbauten, überstrahlt von irgendeinem in der Sonne gleißenden Kirchendach.

Nur ein paar hundert Meter weiter dann aber ein luxuriöses Einkaufszentrum, in denen sich im Hochsommer bei über 30° eine Eislaufbahn befindet. Es scheint einfach, dass es in der Ukraine einfach alles gibt. Klar, man kann im Sommer Lust auf Eislaufen bekommen, wieso nicht! Also wird das angeboten.

Ganz allgemein hatte ich aber das Gefühl, dass man in der Ukraine generell ständig mit einem Fuß im Grab steht, nicht nur wegen der eher weniger als mehr verkehrstauglichen Fahrzeuge auf den Straßen. Ich glaube, in dem Ostblock-Land werden Menschen einfach weniger durch Sicherheitsstandards behütet. Jeder muss besser auf sich aufpassen, und wenn was passiert, dann wars halt Pech. Schaut auf YouTube mal nach „Meanwhile in Russia“-Videos, dann seht ihr den Irrsinn 😀

Das fiel mir schon in Kiew in einer U-Bahn-Station auf. Während bei uns Schwingtüren recht schwergängig sind, war diese eine es nicht. Knapp vor mir sah ich, wie der Wind und durchgehende Personen eine solche Ausgangstür derartig heftig auf und zu schlug, dass sie immer wieder mit aller Wucht an die Wand knallte. Wer da ein wenig abgelenkt ist und die Tür so direkt ins Gesicht bekommt, der findet sich im besten Fall mit Schädel-Hirn-Trauma im Krankenhaus wieder.

Datscha auf dem Lande

Nach ein paar Tagen ging es dann noch mit dem Großvater meines Freundes und seiner Frau aufs Land. Offenbar haben in den Großstädten viele Menschen, die es sich leisten können, neben ihrer Plattenbauwohnung noch eine Datscha außerhalb der Stadt. Eine Datscha ist eine Art Mini-Ferienhaus in einem kleinen Garten – also ein etwas erweiterter Schrebergarten.

Auch der Großvater hatte sowas, etwa eineinhalb Stunden entfernt von der Stadt an einem See. Dort war es sehr ruhig und idyllisch und es fühlte sich tatsächlich mehr wie Urlaub an, trotz des Plumpsklos 😀 Die winzige Hütte reichte gerade so für uns sechs Personen, wobei der Großvater extra für meinen Freund und mich das Dach der Hütte ausbaute. Dort konnte man gerade so stehen, aber hey, es gab ein Bett und Privatsphäre 😀

Tagsüber half ich dann den anderen beim Gemüse waschen und schälen – wobei es zu meinem Leidwesen dann doch mehr superfettigen Quark oder sowas sowie weitere richtig fettige Lebensmittel gab. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern – es schmeckte alles recht gut, aber es war so speckig und fettig, dass ich mir ein wenig den Magen verdarb und tatsächlich einen Tag auf dem Dachboden im Bett bleiben musste. Sehr schade, und auch sehr peinlich – der doofen Deutschen, mit der man sich nicht mal verständigen kann, ist dann auch noch das Essen nicht recht 🙁

Debbie in der Hängematte
Das schöne Datscha-Landleben 😀

Besichtigung von Kiew und zurück nach Deutschland

Am Ende der zwei Wochen setzten wir uns schweren Herzens wieder in den Nachtzug nach Kiew. Nein, das Leben in einer ukrainischen Großstadt wäre nichts für mich, aber der Besuch war sehr interessant und vollgepackt mit den verschiedensten Eindrücken.

Als wir dann morgens in Kiew ankamen, hatten wir noch viele Stunden Zeit bis zum Flug nach Hause. Die nutzten wir für weiteres Sightseeing, so dass ich auch das ukrainische Regierungsviertel in Kiew gesehen habe.

Ausblick auf Kiew
Ankunft mit dem Zug in Kiew: Es sticht sofort heraus, wie grün die Stadt ist. Diese beiden Bauwerke überragen alles andere

Insgesamt sorgte die Reise für nachhaltige Eindrücke bei mir und ich bin sehr froh, diese Gelegenheit bekommen zu haben. Das hätte ich davor nicht gedacht, ich dachte, es wird eher ein relativ langweiliger Aufenthalt in der Stadt, auf dem Sofa von irgendwelchen Verwandten, die ich nicht verstehe. Und das war es ganz und gar nicht.



Wer den Film noch nicht kennt: „Alles ist erleuchtet“ mit Elijah Wood in der Hauptrolle spielt in der Ukraine. Wood ist ein Amerikaner, der in der Ukraine nach den Wurzeln seiner Vorfahren sucht. Dabei kommen Ostblock-Klischees genauso vor wie ein nachdenklicher Blick auf eine tragische Familiengeschichte. Ist nett anzusehen – und internationale Spielfilme, die irgendwo in der Ukraine auf dem Land spielen, lassen sich wohl an einer Hand abzählen 😀

Wie sieht es mit dir aus, liegt die Ukraine auf deinem Reiseradar?

Fotogalerie der Ukraine-Reise

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